Sechs Personen, vier sitzend und zwei stehend, posieren in einem modernen Raum mit blauen Vorhängen, einem Teppich und einem "Spirit of Styria"-Banner; auf dem Tisch steht ein Laptop.
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Schneller vom Labor auf den Markt?

Forschung.Standort.Steiermark – Wo liegen die Stärken und Potenziale für den Forschungsstandort Steiermark? Auf welche Bereiche sollten wir künftig den Fokus legen? Wie kann es in Zukunft noch besser gelingen, die hohe F&E-Quote in Markterfolge umzuwandeln? Welche Akzente braucht die europäische Forschungspolitik? Und wie entscheidend ist Diversität in Forschungsteams? Fragen, die wir mit Expertinnen und Experten bei uns am Roundtable von „SPIRIT of Styria“ diskutierten.

Talk im Turm

TALK IM TURM ist ein Diskussionsformat von SPIRIT of Styria.
Jeden Monat laden wir Expertinnen und Experten zur Diskussion über ein spannendes Wirtschaftsthema an den Runden Tisch in die Redaktion an den Technopark Raaba.

Ein Mann in einem schwarzen Blazer gestikuliert, während er spricht, während hinter ihm eine Karte an der Wand zu sehen ist.
Christoph Ludwig

Geschäftsführer, Steirische Wirtschaftsförderung SFG

Ältere Frau mit kurzen grauen Haaren, Brille und einem karierten Blazer spricht angeregt und gestikuliert mit beiden Händen, während sie in einem Haus sitzt.
Andrea Kurz

Rektorin, Medizinische Universität Graz

Frau mit langen blonden Haaren und Brille lächelt während eines Videogesprächs in die Kamera, wobei der Hintergrund unscharf ist und die App-Bedienelemente im oberen Bereich sichtbar sind.
Lejla Pock

Geschäftsführerin, Human.technology Styria (HTS-Cluster)

(krankheitsbedingt online zugeschaltet)

Ein Mann in einem blaukarierten Anzug sitzt an einem Tisch mit einer Kaffeetasse, spricht und gestikuliert mit der Hand in einer hellen Büroumgebung.
Heinz Mayer

Geschäftsführer, Joanneum Research

Eine Frau mit lockigem braunem Haar und braunem Blazer gestikuliert, während sie spricht. Sie sitzt in einem Innenraum neben blauen Vorhängen und einer großen dekorativen Vase.
Christina Holweg

Vizerektorin für Marketing und Stakeholder Management, Montanuniversität Leoben

Stellen wir uns vor, es gibt eine neue Castingshow „Die Welt sucht die Super-Forschungsregion“. Wie viele Punkte geben Sie der Steiermark auf einer Skala von 1 bis 10?

Mayer:

8

Holweg:

9

Ludwig:

9

Pock:

8

Kurz:

5

Begründen Sie Ihre Entscheidung! Wo liegen die Stärken und Potenziale des Forschungsstandorts?

Mayer:

Das steirische Forschungs- und Innovations-Ökosystem funktioniert ausgezeichnet. Auch für die Kompetenz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekommen wir im internationalen Vergleich immer wieder Bestnoten – das zeigt sich auch an erfolgreichen Akquisitionen internationaler Projekte. Potenzial sehe ich darin, die Forschungsergebnisse in noch höherem Ausmaß in die Anwendung zu bringen. Die Wirksamkeit von Forschung misst sich am Transfer in Dienstleistungen und Produkte.

Holweg:

Die Steiermark hat die höchste F&E-Quote in Österreich. Das ist großartig, aber kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen – es sollte uns Mut machen, noch weitere Schritte zu setzen. Denn wir haben noch Luft nach oben, unsere Forschungsideen als Innovationen auf die Straße zu bringen.

Ludwig:

Die Steiermark hat nicht nur eine der höchsten F&E-Quoten weltweit, sondern – wie erwähnt – ein beeindruckendes Innovations-Ökosystem. Darin treffen Wissenschaft und Forschung auf tolle Leitbetriebe, Start-ups und forschungsintensive KMU. Das Zusammenspiel dieser Kräfte macht uns einzigartig – ablesbar auch an der überdurchschnittlich hohen Anzahl an Innovationen und Patenten in der Region. Wir setzen auf Schwerpunkte, die das Bundesland zu einem überregionalen Kompetenzzentrum und Innovationstreiber machen. Siehe auch den jüngsten Erfolg beim Staatspreis Innovation. Wir sind dort praktisch Seriensieger – das kommt nicht von ungefähr.

Pock:

Ich habe der Steiermark eine strategische 8 gegeben, die 9 und 10 heben wir uns bewusst auf – als Ansporn in den Bereichen Tempo und Mut. Die Steiermark hat eine ungewöhnlich hohe Dichte an Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Kompetenzzentren und international aktiven Unternehmen – und das alles in kurzer Distanz. Wir haben exzellente Forschung, starke Unternehmen und eine erstaunliche Vielzahl an Talenten. Dieses enge Zusammenspiel schafft eine Kommunikations- und Innovationskultur, die man nicht künstlich aufbauen kann. Gleichzeitig gibt es noch Luft nach oben beim Tempo. Wir sind hervorragend im Erfinden, aber manchmal zu problemorientiert beim Umsetzen. Wir könnten uns manchmal zutrauen, Entscheidungen nicht erst ‚im nächsten Quartal‘ zu treffen. Mehr Entscheidungsmut und etwas weniger Bürokratie würden uns noch kraftvoller machen.

Frau Rektorin Kurz, warum sind wir nur „mittelsuper“?

Kurz:

Ich stimme mit allem überein, was gesagt wurde. Und ich bin der Meinung, dass wir mit der Medical Science City Graz einen wirklichen Innovations-Hub geschaffen haben. Wir arbeiten irrsinnig gut zusammen in der Region. Das habe ich in meiner langen Zeit in den USA in dieser Form nie erlebt. Unser Ökosystem ist phänomenal. Trotzdem meine ich, dass wir den internationalen Durchbruch noch nicht geschafft haben. Wenn ich beruflich in den Vereinigten Staaten unterwegs bin und Graz erwähne, kennen die meisten Menschen die Stadt leider nicht – egal, ob im universitären oder industriellen Umfeld. Graz ist einfach noch nicht „on the map“. Für mich wäre aber genau das das Ziel! Ebenso fällt mir auf, dass hierzulande oft zuerst die Medizinische Universität Wien erwähnt wird. Die Med Uni Graz steht meist im Schatten. Dabei weiß ich, dass wir in vielen Bereichen hervorragende Arbeit leisten – und das macht mich besonders stolz.

Ludwig:

Ich würde auch sagen, dass wir im Standortmarketing noch Nachholbedarf haben. Aber sonst kann ich nicht bestätigen, dass wir weit hinter Wien liegen. Die TU Graz bringt beispielsweise 50 Prozent mehr Drittmittel auf als die TU Wien, obwohl die TU in Wien doppelt so groß ist. Oder schauen wir auf die COMET-Zentren in Graz oder Leoben, da kann Wien überhaupt nicht mithalten. 50% der COMET-Zentren in Österreich haben eine steirische Beteiligung – durch die TU Graz oder die Montanuniversität Leoben.

Mayer:

Ich würde hier klar unterscheiden: Ich habe bewusst 8 Punkte gegeben aufgrund des internationalen Vergleichs. Im nationalen Maßstab würde ich uns aus Überzeugung eine 10 geben. Wir haben ein herausragendes Ökosystem mit fünf Universitäten, zwei Hochschulen, zwei Fachhochschulen sowie eine Clusterlandschaft und eine Vielfalt an COMET-Zentren, die Ihresgleichen sucht – das sind wir top aufgestellt. Aber natürlich lohnt der Blick über die Grenzen – nicht weit weg von hier zeigt München mit seinem Ökosystem, was möglich wäre. Lernen können wir vor allem in puncto Vermarktung von Forschungsergebnissen, die die TU München mit ihrem Gründungszentrum UnternehmerTUM vorlebt. Das Volumen an Venture Capital, das dort konzentriert ist, ist höher als die Summe aller heimischen Start-up-Initiativen.

Eine Frau mit lockigem braunem Haar und braunem Blazer gestikuliert, während sie spricht. Sie sitzt in einem Innenraum neben blauen Vorhängen und einer großen dekorativen Vase.

„Die internationale Positionierung wird immer wichtiger. Mit dem Fokus auf Circular Engineering hat die Montanuniversität Leoben eine Alleinstellung im internationalen Wettbewerb.“

Christina Holweg
Vizerektorin für Marketing und Stakeholder Management, Montanuniversität Leoben

Auf welche Forschungsbereiche sollte die Steiermark künftig ihren Fokus legen? Wie wichtig sind Leuchttürme?

Pock:

Ich bin überzeugt, dass wir dort investieren sollten, wo wir heute schon zur Spitze gehören und wo globale Märkte entstehen: in der Biotechnologie, hier insbesondere Bioengineering und digitales Biomanufacturing, in der Medizintechnik, in der Digitalisierung des Gesundheitswesens, in der Mikrobiomforschung, bei Smart Materials und in Anwendungen Künstlicher Intelligenz für die Medizin. Gerade diese Felder sind echte Exzellenzbereiche in der Steiermark. Leuchttürme spielen dabei eine große Rolle. Sie sorgen für internationale Sichtbarkeit und Unternehmensinvestitionen, ziehen Talente an und setzen klare Signale. Aber Leuchttürme brauchen ein stabiles Fundament – gute Basisfinanzierung für Forschung, Investitionen in die moderne Infrastruktur und attraktive Rahmenbedingungen für Talente.

Kurz:

Ja, wir werden uns innerhalb der einzelnen Institutionen auf gewisse Themen spezialisieren müssen – schon aufgrund der angespannten Finanzlage. Es muss echte Leuchtturmprojekte geben, in die man konzentriert investiert. Ich stimme zu – gerade in der Medizin und bei den Life Sciences wird sich irrsinnig viel tun. Von der Medizintechnik über die Biomedizin bis zur Entwicklung neuer Medikamente – und dabei sollten wir uns künftig wirtschaftlich noch besser vermarkten. An der Med Uni haben wir durchaus einige Benchmarks, etwa unsere Forschungsfelder, die Biobank und unsere Core Facilites. Noch mehr Stärke zeigen können wir durch unsere Kooperationen, wie beispielsweise BioTechMed-Graz, ein Zusammenschluss von Med Uni Graz, Uni Graz und TU Graz. Gleichzeitig dürfen wir nie vergessen, wofür unsere Uni neben Forschung und Patientenbetreuung hauptverantwortlich ist – für die Lehre und Ausbildung unseres medizinischen Nachwuchses.

Mayer:

Die Steiermark hat einige Exzellenzfelder, für die es in Europa bekannt ist. So ist Graz bei der Europäischen Weltraumorganisation hoch angesehen. Wir haben mit dem ESA-BIC einen Incubator in Graz und werden als Standort für die Technologieentwicklung im Bereich Satellitenkommunikation und Fernerkundung sehr geschätzt. Eine Kompetenz, die gerade im Bereich Dual Use immer wichtiger wird und damit auch dem Standort Graz zugute kommen wird. Defense ist ein wachsender Bereich, auch wenn wir uns andere Umstände wünschen würden. Das hat auch Auswirkungen auf die Forschung. Es gibt hier mittlerweile ein eigenes europäisches Programm, den European Defence Fund. Generell bin ich ganz klar für Fokussierung und Leuchtturminitiativen, aber am besten immer in Kooperation auf europäischer Ebene. In der Steiermark haben wir nicht die Größe, um die großen Zukunftsthemen allein zu stemmen – auch nicht in Österreich. Wir müssen es auf europäischer Ebene mit Partnern gemeinsam machen.

Holweg:

Ganz klar, die internationale Positionierung wird immer wichtiger. Daher hat sich die Montanuniversität Leoben in diesem Jahr ein neues Erscheinungsbild gegeben und sich neu ausgerichtet. International nennen wir uns nunmehr Technical University of Leoben. Natürlich sind wir kleiner als die Hochschulen in Graz und Wien und unser Fächerbündel deckt nicht dieselbe Bandbreite ab, aber unser Programm ist sehr stringent fokussiert auf ausgewählte Schwerpunkte, die zentrale Zukunftsthemen rund um Rohstoffsicherheit, Energietransformation und Nachhaltigkeit adressieren. In der Forschung bilden wir den gesamten Lebenszyklus von Produkten ab, vom Rohstoff über die nachhaltige Verarbeitung hin zu innovativen Werkstoffen und zurück zum Recycling. Ein Konzept, das wir Circular Engineering nennen – die technologische Basis für die Kreislaufwirtschaft. Damit haben wir eine Alleinstellung, die uns ein eigenständiges Profil im internationalen Wettbewerb ermöglicht.

Die Kraft der Nische?

Holweg:

Wir haben knapp 3.000 Studierende in diesen Core-MINT-Fächern – das ist nicht wenig. Insgesamt studieren 92 Nationen am Campus. Diese wissen genau, weshalb sie nach Leoben kommen. Dazu zählen auch kleine Studiengruppen und die persönliche Betreuung durch Professorinnen und Professoren, die nur an kleinen Universitäten möglich ist. Die Stadt hat, abgesehen von der Forschungsexzellenz und den Studienprogrammen, viele Vorteile, die heute mehr denn je geschätzt werden. Die Nähe zur Natur, eine kleine, fußläufige Stadt mit einem Campus, für den man nicht einmal ein Fahrrad braucht sowie viele Freizeit- und Sportmöglichkeiten. Das ist einfach Lebensqualität pur.

Ältere Frau mit kurzen grauen Haaren, Brille und einem karierten Blazer spricht angeregt und gestikuliert mit beiden Händen, während sie in einem Haus sitzt.

„Unser Ökosystem hier ist phänomenal. Aber den internationalen Durchbruch haben wir noch nicht geschafft. Graz ist im globalen Maßstab noch nicht ,on the map‘. Dort müssen wir hin!“

Andrea Kurz
Rektorin Medizinische Universität Graz

Europa und auch Österreich gelten im Bereich Künstliche Intelligenz als Nachzügler. Sind wir das?

Mayer:

Man muss differenzieren. In diesem Bereich haben Joanneum Research und die österreichische Forschungsszene mehr geleistet als vielfach bekannt. Alle sprechen nun von ChatGPT und Co., in die Abermilliarden fließen. In der Liga können wir in Österreich nicht mitspielen – aber auch wir haben unsere Expertise in Nischen, die gerade in der Industrie Anwendung finden. Maschinelles Lernen, also Musterlernen, betreibt die Joanneum Research seit mehr als 25 Jahren. So haben wir schon im Jahr 2000 gemeinsam mit der Firma Weitzer Parkett mittels Mustererkennung automatisiert Holzsortierung produktiv zum Einsatz gebracht. Auch das Paradeprodukt der Joanneum Research, unser akustisches Tunnel-Monitoring-System, macht mittels KI Tunnel sicherer. Und es gibt viele weitere Beispiele, wo KI in die Anwendung gebracht wird. Österreich kann KI nicht in der Dimension wie Google & Co. betreiben – aber wir sind gut positioniert. Künftig soll die neue AI Factory Austria das heimische KI-Ökosystem stärken. Fakt ist auch: Die EU muss in diesem Bereich gewaltig aufholen. Dafür wird es enorm viel Geld brauchen – es braucht gemeinsame gesamteuropäische Anstrengungen.

Ludwig:

Das kann ich nur bestätigen. Ein großer Teil der Beteiligungen der SFG an steirischen Start-ups hat direkt oder indirekt mit KI zu tun. Und ja, Leuchttürme sind wichtig für eine Region, ein klares Profil ist für einen Standort im internationalen Wettbewerb entscheidend. Exzellenz haben wir etwa im Zukunftsfeld der Batterietechnologien, wo wir als SFG proaktiv Standortentwicklung betreiben – mit Erfolg. Anfang Dezember fanden die Battery Innovation Days in Graz statt, wo wir 600 internationale Batterie-Experten in Graz zu Gast hatten. Zudem ist die SFG auch Gesellschafter der Silicon Austria Labs, dem drittgrößten außeruniversitären Forschungszentrum Österreichs. Dort arbeiten knapp 400 Forscherinnen und Forscher im Headquarter in Graz sowie in den Standorten Villach und Linz, die mittelfristige Wachstumsprognose geht Richtung 600 Forschende. Ein absolutes Zukunftsfeld, in dem die Steiermark, gemeinsam mit Kärnten, ganz vorne mitspielt.

Kurz:

Für Forschung braucht es immer die richtigen Kooperationspartner – umso wichtiger ist es, das Profil so zu schärfen, dass wir international interessant bleiben. Gerade jetzt können und müssen wir attraktiv sein – in einer Zeit, in denen in den USA einiges in der Forschungslandschaft zugrunde geht. Die Politik der Trump-Regierung mit den vielen Laborschließungen können wir für unseren Vorteil nutzen. Die Folgen der Politik sind bereits sichtbar, Europa bekommt immer mehr Forschende aus den Staaten. Es findet gerade eine Art Reverse-Brain-Drain statt. Das gilt auch für Forschende aus der Industrie. Wenn etwa ein Drittel der CDC Labore (Center of Desease Control) geschlossen werden, ist das schlimm für die USA, aber eine Chance für uns. Die Forschenden sind hochrangig und erwarten dementsprechend attraktive Angebote. Wir haben das Thema mit dem Ministerium besprochen – dort stieß es auf wohlwollende Zustimmung, auch wenn derzeit keine finanzielle Unterstützung vorgesehen ist.

Holweg:

Forscherinnen und Forscher arbeiten immer international. Daher versuchen wir, führende Köpfe aus bestehenden Forschungsnetzwerken zu gewinnen, die bei uns mehr Zukunft sehen. Wir freuen uns, dass gerade ein Forscher aus Berkeley zu uns an die Uni kommt, der schon lange im Leobener Netzwerk aktiv ist. Wir wollen weiterhin bestehende Forschungs-netzwerke nutzen, um mit guten Leuten eine Win-win-Situation zu schaffen.

Ein Mann in einem schwarzen Blazer gestikuliert, während er spricht, während hinter ihm eine Karte an der Wand zu sehen ist.

„Die Überleitung vom Labor auf den Markt funktioniert – siehe die jüngsten Großinvestitionen in der Mikro­elektronik. Denn ohne Forschung kein Innovationsvorsprung und damit keine Investitionen.“

Christoph Ludwig
Geschäftsführer SFG

Die Steiermark erzielt eine F&E-Quote von 5,31 %. Wie geht/funktioniert der Wissenstransfer? Wie kommen wir schneller vom Labor auf den Markt?

Pock:

Die Quote ist beeindruckend, aber wir müssen noch konsequenter daran arbeiten, die berühmte „Valley of Death“ zwischen Labor und Markt zu verkleinern. Das gelingt nur, wenn wir schneller werden – bei Entscheidungen, bei Pilotprojekten, bei der Validierung neuer Technologien im realen Versorgungssystem. Viele großartige Entwicklungen scheitern nicht an ihrer Qualität, sondern an Strukturen, die Innovationen nur langsam durchlassen. Wenn wir hier mutiger werden, können wir noch viel mehr aus unserer Forschungsstärke machen. Als Cluster sind wir ein Katalysator im System. Wir bringen Akteure zusammen, die sonst oft nur übereinander sprechen, aber nicht miteinander arbeiten würden. Wir vernetzen von Anfang an, das bringt mehr Geschwindigkeit, weniger Fehler und geringere Kosten – Unternehmen, Forschung, Start-ups, Politik und Kliniken. Wir schaffen Räume für Kooperationen, helfen bei Internationalisierungsschritten, öffnen Türen zu Partnern im DACH-Raum, in die USA oder in der MENA-Region und holen auch neue Impulse in die Steiermark.

Kurz:

Die Überleitung von Wissen auf den Markt funktioniert im Großen und Ganzen, aber meines Erachtens gibt es hierzulande viele unterschiedliche Einrichtungen und Initiativen im Start-up-Bereich, die alle für sich genommen gute Sachen machen – aber eben verteilt auf unterschiedliche Player. Wenn wir hier die Stärken bündeln und gemeinsam auftreten, können wir die eingesetzten Mittel noch wirksamer nutzen.

Mayer:

Ich kann das nur unterstreichen. Wir sehen das ja nicht nur bei uns in der Region, sondern es ist ein österreichweites Dilemma, dass es sehr viele Start-up-Initiativen gibt, die in Summe aber zu gering dotiert sind. Die Strukturen zu konsolidieren, hätte sicher einen großen Nutzen. Wenn man die Mittel zusammenfasst, könnte man eine größere Wirksamkeit erzeugen. Das zeigen auch Vorbilder im Ausland.

Holweg:

An der Montanuniversität sind wir zu einem Drittel drittmittelfinanziert. Das ist ein hoher Anteil für eine Universität. Erklärtes Ziel ist es, die Forschung auch in die Anwendung zu bringen. Wir haben viele Beispiele – etwa Projekte mit der OMV und der voest­alpine, bei denen wir ganz praktisch in die unmittelbare Umsetzung gehen. Mit dem ZAT, dem Zentrum für Angewandte Technologie und dem Green Startup Center Leoben, bieten wir bei Neugründungen umfassende Unterstützung. Auch unsere beiden neuen Forschungszentren, das Hauses der Digitalisierung und das Forschungszentrum für Wasserstoff und Kohlenstoff, belegen unsere enge Verknüpfung von Forschung und Industrie. Das Wasserstoff-Zentrum spielt eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung neuer nachhaltiger Technologien für die Energiewende und leistet einen wichtigen Beitrag zur Dekarbonisierung der Industrie. Umgekehrt braucht es aber immer auch die Grundlagenforschung: Als Beispiel nenne ich die CD-Labore, ein Paradebeispiel für angewandte Grundlagenforschung. Die Montanuniversität betreibt zehn – und drei davon, also ein Drittel, wird von Frauen gemanagt.

Ludwig:

Dass die Überleitung vom Labor auf den Markt in der Steiermark gut funktioniert, sieht man an jüngsten Großinvestitionen in Milliardenhöhe. ams-OSRAM ist gerade dabei, 570 Millionen Euro in Premstätten zu investieren. AT&S hat jüngst über 700 Millionen in Leoben investiert. Ohne Forschung und Entwicklung, ohne Universitäten und ohne COMET-Zentren würde es diese Technologien bei uns nicht geben. Dann würde es keinen Wissens- und Innovationsvorsprung geben – und damit auch keine Investitionen. Ohne Forschung könnten diese Produkte hier bei uns nicht hergestellt werden. Wir sind kein Billiglohnland, wo wir Dinge produzieren, die woanders entwickelt werden. Daher muss hier vor Ort geforscht, entwickelt und umgesetzt werden. Deswegen ist es so wichtig, dass wir in einem Ökosystem leben, das gut miteinander vernetzt ist, um die PS gemeinsam auf den Boden zu bringen.

Grundlagenforschung vs. angewandte Forschung: Droht die Grundlagenforschung in Zeiten des Spardrucks unter die Räder zu kommen?

Mayer:

Grundlagenforschung und Angewandte – wir brauchen definitiv beides. Die Joanneum Research steht genau an der Schnittstelle zwischen der Akademie und der Industrie. Es gibt fast kein Projekt mehr, in dem nicht zumindest ein Grundlagenforschungspartner und ein Vertreter aus Industrie und Wirtschaft mit uns zusammenarbeiten. Die Mitarbeitenden, die in einem Innovationsumfeld arbeiten, egal, ob in einer F&E-Einheit der Industrie oder bei uns, kommen ja allesamt aus den Universitäten. Daher wäre es keine gute Idee, dort weniger zu investieren. Es braucht für beides mehr Mittel – für die Universitäten und die anwendungsorientierte Forschung. Dabei darf ich eine Lanze für die Joanneum Research brechen. Aus einem Euro macht unsere Gesellschaft vier Euro. Das heißt, ein Euro Input ergibt vier Euro Output. Wir machen aus einem Arbeitsplatz, den unsere Gesellschafter finanzieren, vier. Ein Spitzenwert im internationalen Vergleich.

Ein Mann in einem blaukarierten Anzug sitzt an einem Tisch mit einer Kaffeetasse, spricht und gestikuliert mit der Hand in einer hellen Büroumgebung.

„Grundlagenforschung und Angewandte Forschung – wir brauchen beides. Die Joanneum Research steht genau an der Schnittstelle und macht aus einem Euro Input vier Euro Output – ein internationaler Spitzenwert.“

Heinz Mayer
Geschäftsführer Joanneum Research

Drei Viertel der F&E-Ausgaben stammen von Unternehmen und ein Viertel von der öffentlichen Hand. Passt das Verhältnis?

Ludwig:

Der Wert bestätigt, dass wir einerseits bereits tolle Unternehmen am Standort haben und andererseits weitere tolle Unternehmen anziehen können, weil wir auch ein funktionierendes Fördersystem haben. Seien es die Mittel von der SFG oder von der Forschungsförderungsgesellschaft FFG, deren Förderungen wir als SFG zusätzlich mit einem Steiermark-Bonus unterstützen. Immer wichtiger wird auch die Unterstützung durch EU-Mittel. Die Steiermark ist sehr erfolgreich darin, möglichst viele EU-Gelder in unser Bundesland zu bringen.

Pock:

Der hohe F&E-Anteil aus der Wirtschaft zeigt, dass unsere Unternehmen eine enorme Verantwortung für Innovation tragen – und das tun sie auf eine beeindruckende Art und Weise. Gleichzeitig braucht es eine starke öffentliche Hand, die strategische Forschungsfelder absichert und Risiken mitträgt, die der Markt allein nicht stemmen kann. Drei Viertel privat und ein Viertel öffentlich kann gut funktionieren – solange wir gemeinsam darauf achten, dass Zukunftsthemen nicht an der Finanzierung, sondern an ihrer Relevanz gemessen werden.

Frauen in der Forschung sind immer noch unterrepräsentiert. Wie schaffen wir es, das weibliche Potenzial besser auszuschöpfen?

Holweg:

Zum Glück haben wir an der Montanuniversität seit Jahren steigende Zahlen bei weiblichen Studierenden. Frauen in die Forschung zu bringen und auch zu halten – das gelingt uns in Leoben wirklich gut. Mit einem Frauenanteil bei den Studierenden von fast 30 Prozent liegen wir sehr gut, schließlich reden wir hier von Kern-MINT-Fächer. Wir haben ja keine Fächer wie Architektur oder Medizintechnik, die traditionell weiblicher besetzt sind. Das spricht dafür, dass wir Studienprogramme anbieten, die auch für Frauen von hohem Interesse sind. So gibt es bei uns klassische Green Studies wie z.B. Klima- und Umweltschutztechnik – bei diesem Studium haben wir einen Frauenanteil von 46%.

Das heißt, alles paletti?

Holweg:

Es gibt Fortschritte, aber die Entwicklung ist kein Selbstläufer. Was ich bedenklich finde, sind die Ergebnisse einer aktuellen Studie des IHS. Demzufolge liegen die Dropout-Raten bei weiblichen Studierenden im Ingenieurswesen bei 63 Prozent. Bei Männern sind es zwar auch 55%, dennoch ist der Wert bei Frauen signifikant höher. Und wenn weibliche Studierende ihr Studium abschließen und in einen MINT-Beruf gehen, verlassen sage und schreibe 69% der Frauen den Bereich wieder. Als Gründe für den Ausstieg werden genannt: Fehlende Karrieremöglichkeiten, wenig Flexibilität bei Arbeitszeiten und mangelnde Wertschätzung der Vorgesetzten. Da frage ich mich schon: Wie lange wollen und können wir es uns noch leisten, das Potenzial von Frauen für unsere Gesellschaft zu vernachlässigen?

Kurz:

Tatsächlich haben wir viel Luft nach oben. Die Zahlen wundern mich nicht, wenn ich mir die Kinderbetreuungssituation in der Steiermark anschaue. Es fehlt leider oft eine adäquate Kinderbetreuung. In medizinischen Fächern ist es so, dass fast 55 % der Studierenden Frauen sind, später in der Führungsebene sinkt der Anteil auf 33 %. Und je höher es raufgeht, desto kleiner ist der Wert. Daher haben wir schon selbst viel in der Hand, um die Karrierewege an Unis zu gestalten – siehe die Möglichkeit flexibler Arbeitszeiten. Oder eben das Angebot eines Betriebskindergartens oder einer Betriebskinderkrippe zu schaffen – so wie wir es an der Med Uni gemacht haben.

Mayer:

Auch wir sind noch nicht am Ziel, machen aber Fortschritte. Auf der europäischen Ebene kann man kein kooperatives Projekt mehr einreichen, ohne einen Gender Equality Plan vorzulegen – den wir übererfüllen. Wir haben ein eigenes Mentoring-Programm aufgesetzt, wo wir Frauen durch externe Mentorinnen und Mentoren mit Fokus auf Führungsposition weiterentwickeln. Kleine Erfolge sind bereits ablesbar – so ist der weibliche Anteil bei den Senior Scientists von 26 auf 30 % gestiegen. Was mich ebenso freut rund ums Thema Vereinbarkeit: 38 % der Beschäftigten, die eine Karenz antreten, sind bei uns Männer. Das volle Potenzial auszuschöpfen sollte im ureigensten Interesse des Wirtschaftsstandorts liegen. Denn die Studierenden-Zahlen an den technischen Universitäten sind rückläufig. Das heißt, wir können mittelfristig in der Forschung ein ernsthaftes Nachwuchsproblem bekommen, wenn wir nicht frühzeitig entgegensteuern.

Pock:

Diversität ist ein echter Innovationsbeschleuniger. Unterschiedliche Perspektiven führen zu besseren Ergebnissen – und das besonders in der Gesundheitsforschung, wo Komplexität zum Alltag gehört. Beim weiblichen Potenzial haben wir noch Luft nach oben. Sichtbare Vorbilder, transparente Karrierewege, familienfreundliche Strukturen und klare Erwartungen vonseiten der Institutionen sind essenziell. Viele Talente sind da, sie brauchen aber faire Bedingungen und manchmal einfach eine Einladung, den nächsten Schritt zu machen. Wenn uns das gelingt, gewinnen wir alle.

Frau mit langen blonden Haaren und Brille lächelt während eines Videogesprächs in die Kamera, wobei der Hintergrund unscharf ist und die App-Bedienelemente im oberen Bereich sichtbar sind.

„Wir haben in der Steiermark exzellente Forschung, starke Unternehmen und eine erstaunliche Dichte an Talenten. Aber bei Mut und Tempo können wir noch zulegen.“

Lejla Pock
Geschäftsführerin Human.technology Styria

Was wünschen Sie sich? Ihr Wunsch ans Christkind?

Kurz:

Es wäre schön, wenn die Leute erkennen würden, was die Steiermark für ein toller Hotspot ist und wir ein bisschen mehr Venture Capital bekommen könnten.

Ludwig:

Der bessere Zugang zu Kapital, zu Venture Capital, wäre auch mein Wunsch. Da gibt es großes Potenzial, aber auch bereits einige Initiativen, die gerade laufen. Diese werden wir zu gegebener Zeit verkünden. Ansonsten darf ich abschließend Robert-Jan Smits zitieren, den Speaker auf unserem diesjährigen Zukunftstag: „Wir stehen am Beginn eines goldenen Zeitalters für regionale Innovations-Ökosysteme.“ Das werte ich als gute Nachricht für die Steiermark.

Holweg:

Mein Wunsch setzt bei der fehlenden Kinderbetreuung an. Wir sollten alle ein wenig mehr an die Politik appellieren, um die Relevanz des Themas aufzuzeigen. Denn auch dieser Bereich ist Teil des Innovations-Ökosystems.

Mayer:

Forschung und Innovation bedeuten Standortsicherung – und jede Investition in diesem Bereich tut gut. Mehr Venture Capital, vor allem für die Phase der Skalierung, würde dem Standort sicher helfen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Entbürokratisierung – wir müssen Regularien zurückfahren. Überregulierung im Technologieumfeld beschert uns einen Standortnachteil gegenüber internationalen Mitbewerbern – siehe das Beispiel Autonome Fahrverordnung, das das Forschungszentrum Virtual Vehicle, seit ein paar Monaten Teil der Joanneum Research, beschäftigt. Die Steiermark ist Testregion für automatisierte Mobilität und hat hier durch die strengen Regularien als Forschungsstandort einen Nachteil gegenüber anderen Weltregionen.

Pock:

Wie zu Beginn gesagt: Die Steiermark hat besondere Stärken. Aber wenn wir noch eine gute Portion Tempo und Mut drauflegen, dann brauchen wir bei ‚Die Welt sucht die Superforschungsregion‘ auch keinen Publikumsjoker. Dann holt die Steiermark die 10 ganz automatisch.

Sechs Personen, vier sitzend und zwei stehend, posieren in einem modernen Raum mit blauen Vorhängen, einem Teppich und einem "Spirit of Styria"-Banner; auf dem Tisch steht ein Laptop.
„Talk im Turm“ am Technopark Raaba: Herausgeber Hannes Schreiner (l.) und Chefredakteur Wolfgang Schober führten durch die angeregte Diskussion.

Fotos: Oliver Wolf

Banner mit dem Text "trinkvergnügen" und "Über 450 Weine & Champagner einfach online bestellen." Rechts zeigt ein Foto zwei Gläser Rotwein auf einem Holztisch im Freien bei Sonnenuntergang.