Ein Gamechanger für die Industrie?
Humanoide Robotik & KI – Neue Ära der Automatisierung: Welche Aufgaben werden humanoide Roboter künftig in der Industrie übernehmen? Wie sichern Robotik und KI die Wettbewerbsfähigkeit produzierender Unternehmen? Inwieweit können humanoide Roboter den Fachkräftemangel entschärfen? Welche regulatorischen und sicherheitstechnischen Fragen sind dabei zu lösen? Und vor welchen aktuellen Herausforderungen stehen die Betriebe der AT Styria (Advanced Technologies Styria)? Fragen, die wir mit Experten am Roundtable diskutierten.
TALK IM TURM ist ein Diskussionsformat von SPIRIT of Styria.
Jeden Monat laden wir Expertinnen und Experten zur Diskussion über ein spannendes
Wirtschaftsthema an den Runden Tisch in die Redaktion an den Technopark Raaba.
Leiter Department Automatisierungstechnik FH CAMPUS 02
Geschäftsführer Roto Frank Austria, Hersteller von Beschlägen für Fenster und Türen mit Sitz in Kalsdorf
Mitgründer und CEO des Grazer Software & IT-Spezialisten Fraiss IT, Schwerpunkt auf KI-Lösungen, -Automation und Industrial AI
Vorsitzender AT Styria, Unternehmer, WKO-Vizepräsident
CFO PIA Automation Austria in Grambach, Kompetenzzentrum für Automatisierungslösungen im Bereich E-Mobilität in der PIA-Gruppe
Geschäftsführer AT Styria
Die World Humanoid Robot Games Ende August in Peking haben Eindruck gemacht. Sind humanoide Roboter schon bereit für den industriellen Alltag oder erleben wir einen Hype?
Wir dürfen die Entwicklung nicht unterschätzen. Ich bin sicher, humanoide Roboter wie unser Kurt (Anm.: eine Entwicklung der Pia Automation, siehe Foto) werden schon bald zum Alltag in der industriellen Produktion gehören. Wir sind gerade dabei, ihn für den konkreten Einsatz an einer Produktionslinie im Automotive-Bereich zu trainieren – im nächsten Jahr soll es soweit sein. Darüber hinaus zeigen die Robot Games, dass hier gerade weitere Geschäftsmodelle entstehen – etwa im Bereich Entertainment. Man sieht: Das sind keine Spielereien mehr, sondern ein neuer Wirtschaftszweig. Alle Prognosen gehen von einer dynamischen Entwicklung aus.
Ich würde das mit der Entwicklung der Drohnen vergleichen. Am Anfang waren Drohnen für viele einfach nur ein Spielzeug – man konnte damit Videos machen und ein bisschen herumfliegen. Heute gibt es eine Vielzahl an Anwendungen, ob in der Landwirtschaft oder beim Militär. Bei der Robotik erleben wir eine ähnliche Entwicklung. In der Steiermark beschäftigen wir uns etwa am Joanneum Research schon lange mit kollaborierenden Robotern. Dabei geht es um die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine und das Thema Arbeitssicherheit.
Wir haben dazu vor einigen Wochen eine Blitzumfrage unter unseren Mitgliedern gemacht. Rund zwei Drittel sehen humanoide Robotik bereits als sehr wichtiges Thema. Aber die meisten sind noch in der Phase: Wir wollen es ausprobieren und schauen, was möglich ist. Das Thema ist also angekommen, aber vom Ausprobieren bis zum industriellen Alltag ist es noch ein Stück. Gerade bei Sicherheit und Regulierung gibt es noch viele offene Fragen.
Ich komme ja aus dem Bereich Software und KI – und bei uns stellt sich immer nur eine entscheidende Frage: Was bringt es am Ende des Tages an Produktivität? Und da würde ich sagen: Der industrielle Alltag ist heute noch nicht erreicht. Wir sind in einer frühen Phase, in der viele Unternehmen experimentieren. Gleichzeitig sieht man, dass große Unternehmen bereits sehr erfolgreiche Tests durchführen. Es tut sich gerade unglaublich viel.
Die Dynamik ist tatsächlich groß. Gerade durch die Kombination von KI und Robotik hat sich die Entwicklung beschleunigt. Dennoch müssen wir bei Prognosen vorsichtig sein. Es gibt noch viele offene Fragen, wenn es um den industriellen Einsatz geht. Was ich aber zu prophezeien wage: Wir werden nicht 50 Jahre brauchen, wie es einst bei der klassischen Robotik der Fall war. Ob es letztlich fünf Jahre oder zehn Jahre sind, kann heute niemand sagen. Entscheidend ist für mich aber nicht die Frage, ab wann wir Humanoide einsetzen, sondern wofür. Das heißt, als Erstes müssen wir die Use Cases finden und dann die Technologie dementsprechend einsetzen.
Das Thema Use Case ist tatsächlich essenziell. Wir müssen unsere Prozesse analysieren und jene Tätigkeiten identifizieren, die keine oder nur geringe Wertschöpfung bringen, aber viel Geld kosten. Denn in Österreich haben wir in der Industrie ein massives Thema mit den Herstellkosten. Wenn wir international wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir diese Kosten reduzieren. Und dafür bieten neue Robotiktechnologien enorme Möglichkeiten. Einsatzgebiete sind die Intralogistik, der Materialtransport und die Nachversorgung von Maschinen.
In der Steiermark haben wir eine Fülle an Kompetenzen in diesem Bereich, die wir im Netzwerk der AT Styria zusammenführen. Mit allen positiven Effekten: Man kann für jedes Projekt oder für jede Anwendung den richtigen Partner im Netzwerk finden, der auf das gesuchte Thema spezialisiert ist. Das macht uns noch konkurrenzfähig gegenüber Asien bzw. großen Konzernen.
„Humanoide Robotik wird kommen. Europas Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch Regulierung, sondern durch mutige Unternehmer, Risikokapital und den Willen, groß zu denken.“
Herr Lazarevic, Sie planen bei Roto Frank Austria konkret den Einsatz eines humanoiden Roboters?
Ganz genau. Wenn alles nach Plan läuft, bekommen wir im Oktober unseren ersten Humanoiden – unseren „Seppl“, wie ich ihn jetzt mal nenne. (lacht) Wir haben im Betrieb in Kalsdorf viele Zinkgussmaschinen. Dort müssen Zinkbarren mit rund acht Kilogramm Gewicht bewegt und den Maschinen zugeführt werden. Der Roboter soll die Barren von den Stapeln nehmen und der Maschine übergeben. Also ein sehr konkreter Use Case. Die zwei Herausforderungen: Die Sicherheit muss gewährleistet sein – das heißt, der Roboter muss mit den Mitarbeitern kommunizieren und reagieren bzw. stehen bleiben, wenn jemand in die Nähe kommt. Die zweite Herausforderung ist die Akzeptanz durch die Mitarbeiter. Wie wird der Roboter von den Menschen im Betrieb aufgenommen? Diese müssen miteinander arbeiten, ohne dass zu Manipulationen oder Beschädigungen kommt.
Das ist der Ansatz, den auch wir verfolgen. Wir arbeiten derzeit an der CE-Zertifizierung eines konkreten Anwendungsfalls – also der Zertifizierung unseres „Kurt“. In der ersten Phase des Einsatzes geht es vor allem um Materialtransport und Intralogistik. Der Roboter bekommt dabei einen klar definierten Einsatzbereich. Wir werden also nicht morgen einen humanoiden Roboter frei durch die Fabrik laufen lassen, sondern verwenden einen Schutzzaun. Es gibt einen abgegrenzten Bereich und einen definierten Prozess.
Was kann ein humanoider Roboter besser als ein klassischer Industrieroboter?
Ein humanoider Roboter kann sich in einer Umgebung bewegen, die für Menschen gebaut wurde. Ich muss die Welt bzw. eine Produktion also nicht komplett neu errichten, nur damit ein Roboter darin arbeiten kann. Der Humanoide findet sich in einer für den Menschen gebauten Welt zurecht.
Natürlich wird die klassische Industrierobotik bleiben. Wenn ich beispielsweise eine große Automobilschweißlinie habe, brauche ich keinen humanoiden Roboter. Dort ist die Automatisierung hochgradig spezialisiert und optimiert. Der Vorteil eines humanoiden Roboters liegt in seiner Flexibilität.
Genau, diese Flexibilität der Örtlichkeit ist entscheidend. Ein klassischer Roboter ist in seinem Bewegungsraum gebunden. Ein mobiler humanoider oder semi-humanoider Roboter kann sich dorthin bewegen, wo er gebraucht wird. Deshalb sehe ich bei uns auch eher den semi-humanoiden Roboter als ersten Schritt. Für manche Anwendungen brauchen wir nicht den vollständigen humanoiden Roboter.
Aber wir dürfen nicht glauben, dass humanoid automatisch bedeutet „kann alles“. Ein Mensch kann viele unterschiedliche Tätigkeiten ausführen, ein humanoider Roboter kann das derzeit bei Weitem nicht. Wir können bestimmte Fähigkeiten trainieren – beispielsweise Schnelllaufen, wie wir bei den Robot Games gesehen haben, oder andere Bewegungsabläufe. Aber eine ganz bestimmte Tätigkeit zuverlässig auszuführen und gleichzeitig auf die Umgebung zu reagieren, sind zwei unterschiedliche Herausforderungen. Deshalb wird es vermutlich einen Mix geben: klassische Robotik für hochstandardisierte Prozesse und humanoide für jene Bereiche, in denen Flexibilität gefragt ist.
„Humanoide als Jobkiller? Im Gegenteil: Wir sehen in dem Technologiefeld in den nächsten Jahren Potenzial für bis zu 10.000 neue Arbeitsplätze in der Steiermark.“
Die große Sorge, die mitschwingt: Ersetzt der Roboter den Menschen?
Ich würde die Frage anders stellen. Es geht weniger darum, welcher Mensch ersetzt wird, sondern darum, welche Unternehmen ersetzt werden, die den Weg von KI & Robotik nicht mitgehen. Automatisierung ist längst kein Nice-to-have mehr, sondern eine Voraussetzung dafür, überhaupt wettbewerbsfähig zu bleiben. Unternehmen, die sich diesen Entwicklungen verschließen, werden einfach zukünftig ein Existenzproblem haben. Und was die Jobs betrifft, ist es ähnlich wie bei der KI. Es entstehen viele neue Jobs im höher qualifizierten Bereich. Wenn humanoide Roboter Einzug halten, brauchen wir Menschen, die die Roboter warten, programmieren, anlernen und so weiter. Zudem verschieben sich viele Berufsbilder.
Automatisierung ist kein Selbstzweck, sondern Notwendigkeit. Wenn die Produktionskosten immer weiter steigen, Rohstoffe teurer werden und internationale Wettbewerber wesentlich günstiger produzieren können, dann kann ich meine Preise nicht einfach um 10 oder 15 Prozent erhöhen. Zudem ersetzen wir mit einem Roboter nicht einfach Mitarbeiter, um sie loszuwerden, sondern Tätigkeiten, die ergonomisch problematisch sind oder bei denen wir die Prozesssicherheit erhöhen können. Wenn jemand mehrere Tonnen Material am Tag bewegt, stellt sich die Frage, ob das eine sinnvolle menschliche Tätigkeit ist.
Diese Diskussionen hat es in der Automatisierung immer schon so gegeben. Ich kann mich noch gut an die Schlagzeile in einer Tageszeitung in den 1990er-Jahren erinnern. Damals hieß es: „Die Automatisierer vernichten Arbeitsplätze.“ Heute haben wir in der Steiermark zehntausende Menschen, die genau in diesem Umfeld arbeiten. Die Arbeit ist nicht verschwunden – sie hat sich verändert. Bei humanoider Robotik wird es ähnlich sein. Bestimmte Tätigkeiten werden weniger, dafür brauchen wir mehr qualifizierte Menschen, die diese Systeme entwickeln, programmieren, warten und in Prozesse integrieren. Zudem haben wir demografisch einfach immer wenige Junge, die nachkommen – die Lücke wird in gewissen Bereichen durch automatisierte Roboterlösungen kompensiert.
Trotzdem sollten wir einen Unterschied nicht übersehen: Bisher haben wir vor allem manuelle und mechanische Prozesse automatisiert. Mit KI automatisieren wir zunehmend auch geistige Prozesse. Das ist eine neue Dimension. Die Auswirkungen auf die Arbeitswelt sind noch nicht ganz abschätzbar. Dazu kommt ein emotional-psychologischer Faktor: Ein klassischer Roboter ist eine Maschine. Ein humanoider Roboter sieht dem Menschen ähnlich. Studien zeigen, dass Menschen menschenähnliche Maschinen emotional stärker als Bedrohung wahrnehmen können. Das müssen wir ernst nehmen.
Wie gewinnt man die Belegschaft für einen Roboter, Herr Lazarevic?
Das ist in der Tat eine Herausforderung. Wir haben bei früheren Automatisierungsprojekten gelernt, dass Mitarbeiter Technologien akzeptieren, wenn man sie einbindet und ihnen erklärt, warum man etwas macht. Beim „Seppl“ ist deshalb von Anfang an eine offene Kommunikation geplant. Die Mitarbeiter sollen wissen: Warum kommt der Roboter? Welche Aufgabe übernimmt er? Was bringt er mir? Wenn klar ist, dass es um Ergonomie und Sicherheit geht, steigt die Akzeptanz.
Das Thema Akzeptanz wird noch viel wichtiger werden. Wir müssen gesellschaftlich ein Bewusstsein dafür schaffen, dass humanoide Robotik kommt und dass wir lernen müssen, damit umzugehen. Das beginnt heute ja schon zuhause im privaten Umfeld. Viele verwenden bereits einen Rasenmäher- oder Staubsaugerroboter. Ich bin sicher, irgendwann wird auch ein humanoider Roboter Teil unseres Alltags sein.
Ich denke auch, das künftige Betätigungsfeld der humanoiden Robotik wird weit über die Industrie hinausgehen. Ob Haushalt oder Betreuungsaufgaben von Menschen oder der Bereich Dienstleistungen, etwa in der Gastronomie. Erst unlängst habe ich das selbst erlebt – in einem Gasthaus in Mariazell hat mir ein Roboter das Essen an den Tisch gebracht. Da sehe ich in der Zukunft ein sehr breites Feld.
Die Demografie wird uns keine Wahl lassen: 2050 wird Europa der älteste Kontinent sein – wir werden die Unterstützung durch Roboter brauchen. Es wird unterschiedliche Anwendungsfälle geben, die erste Skalierung wird aber im industriellen Bereich erfolgen. Dort ist die Umgebung definiert und die Prozesse sind standardisiert. Die Risiken lassen sich kontrollieren. Deshalb wird der durchschnittliche Österreicher einen humanoiden Roboter wahrscheinlich zuerst in einem Betrieb, in der Gastronomie oder im Service erleben. Ein Blick auf die Zahlen: Es sind derzeit ungefähr fünf Millionen Industrieroboter weltweit installiert, davon 50.000 bis 60.000 Humanoide allein in diesem Jahr. Im Vorjahr waren es 10.000. Es geht also bereits los, wir sehen eine steile Kurve.
„Studien zeigen, dass Menschen menschenähnliche Maschinen emotional stärker als Bedrohung wahrnehmen können. Das müssen wir ernst nehmen.“
Wann kommt der „ChatGPT-Moment“ für humanoide Roboter?
Der „ChatGPT-Moment“ war deshalb so stark, weil jeder die Technologie sofort ausprobieren konnte. Bei Robotern fehlt diese konkrete Anwendung für die breite Bevölkerung noch. Der eigentliche Durchbruch wird kommen, wenn wir ein funktionierendes Weltmodell haben und Roboter wirklich flexibel mit ihrer Umgebung umgehen können. Er muss erkennen, was vor ihm steht, was passieren könnte und wie er darauf reagieren muss. Das ist wesentlich schwieriger, als einen Roboter für eine exakt definierte Bewegung zu programmieren. „Physical AI“ – also die Möglichkeit, dass KI mit ihrer Umgebung interagiert – das ist die wahre Innovation.
Deshalb ist auch das Anlernen eines Roboters so entscheidend. Bei unserem Anwendungsfall geht es nicht um klassisches Programmieren. Der Roboter lernt eine Tätigkeit. Er macht sie, bekommt Feedback und verbessert sich. Wenn beispielsweise ein Bauteil herunterfällt, muss das System erkennen: Was ist passiert? Warum ist es passiert? Was muss ich beim nächsten Mal anders machen? Das ist ein ganz anderer Zugang als bei einem klassischen Roboter, bei dem jede Bewegung bis ins letzte Detail programmiert wird.
Dafür brauchen wir enorme Mengen an Trainingsdaten. In China und Indien arbeiten bereits tausende Menschen daran, Robotern über Kameras Bewegungsabläufe beizubringen. Sie sitzen mit dem Handy am Kopf an ihrem Arbeitsplatz und sammeln auf diese Weise Trainingsdaten für die Systeme. Erst die Daten in Kombination mit KI befähigen den Roboter bestimmte Aufgaben zu übernehmen. Es gibt auch bereits „Robo Gyms“, in denen Roboter bestimmte haptische Fähigkeiten trainieren. Das ist ein riesiger Wettbewerbsvorteil: Wer die besten Trainingsdaten besitzt, kann die besten Modelle entwickeln. Daher ist es für unser Netzwerk so wichtig, Erfahrungen auszutauschen – idealerweise auch Trainingsdaten. Das hilft uns allen weiter. Wir müssen Know-how und Daten austauschen. Das ist das Gebot der Stunde. Sonst wird eines passieren: Die Roboterhersteller wissen irgendwann sehr viel über unsere Prozesse, während wir nichts oder wenig voneinander wissen. Das müssen wir vermeiden.
Daher ist es so wichtig, rechtzeitig Initiativen zu starten und die Zusammenarbeit zu fördern. Genau zu diesen Themen haben wir bei AT Styria neue Schwerpunkte definiert und neue Arbeitsgruppen eingesetzt, wie „Flexible Robotik“, „Applied Artificial Intelligence“ und „Safety & Security“.
Genau hier liegt aus meiner Sicht eine riesige Chance für Europa. Wir haben in der Steiermark und generell in Europa hervorragendes industrielles Prozesswissen. Wir wissen, wie Produktion funktioniert. Unser Problem ist nicht das fehlende Wissen, sondern die fehlende Geschwindigkeit in der Umsetzung. Wenn wir KI und Robotik mit diesem Prozesswissen kombinieren und daraus skalierbare Anwendungen entwickeln, entsteht völlig neuartiges Intellectual Capital. Das könnte ein echter europäischer Wettbewerbsvorteil werden, wenn wir als europäische Gemeinschaft diese Chance nicht verschlafen wie bei anderen technologischen Trends.
Wenn unser Roboter bei uns einmal im Einsatz ist, werden wir unsere Erfahrungen im Netzwerk gerne teilen. Denn die Frage ist: Wie viel Wissen muss bei jedem einzelnen Unternehmen entstehen? Wenn zwei Unternehmen sehr ähnliche Prozesse haben, kann man gemeinsam Lösungen entwickeln. Wichtig für uns ist auch: Wir wollen nicht bei jedem neuen zusätzlichen Roboter wieder bei null anfangen müssen, sondern flexibel skalieren können und unser Wissen ohne Zusatzaufwand auf einen zweiten oder dritten Roboter übertragen können.
Ein Roboter, der mit KI arbeitet und permanent Daten austauscht, ist aber auch ein potenzielles Cyberrisiko.
Das ist ein Thema, das wir von Anfang an mitdenken müssen. Welche Daten werden ausgetauscht? Wer kann auf das System zugreifen? Bei einer klassischen Automatisierungsanlage war es lange völlig undenkbar, diese einfach mit einem öffentlichen Netzwerk zu verbinden. Bei humanoiden Robotern wird die Verbindung zur digitalen Welt noch viel wichtiger. Damit steigt auch das Risiko – und die Notwendigkeit, sich zu schützen.
Wir müssen sicherstellen, dass niemand von außen Kontrolle über diese Systeme bekommt. Deshalb halte ich auch Offline-Funktionalität für sehr interessant. Wenn die entscheidende KI direkt auf dem Gerät laufen kann, reduziert das die Abhängigkeit von Cloud und Fernzugriff. Das ist gerade für große Industrieunternehmen wichtig. Hier haben wir in Österreich bereits Vorreiter, die solche Technologien anbieten.
„Es geht weniger darum, welcher Mensch durch Roboter ersetzt wird, sondern darum, welche Unternehmen künftig ersetzt werden, die diesen Weg nicht mitgehen.“
Gleichzeitig wird Europa bei Sicherheit und Regulierung immer strenger. Bremsen wir uns damit selbst aus?
Wir müssen zwischen sinnvoller Sicherheit und Überregulierung unterscheiden. Natürlich müssen Roboter sicher sein. Aber wenn Regulierung dazu führt, dass wir Technologien jahrelang nicht einsetzen können, während andere Weltregionen sie nicht nur entwickeln und produzieren, sondern auch längst testen und produktiv einsetzen, haben wir ein Problem. Sicherheit ist wichtig. Aber wir dürfen nicht alles so überregulieren, dass keine Innovation mehr möglich ist.
Genau davor habe ich Sorge – dass wir wieder eine Vollbremsung machen. Europa verfügt über jahrzehntelanges industrielles Prozesswissen. Unsere Chance wäre eigentlich, dieses Wissen jetzt mit KI in die Praxis zu bringen. Wenn wir gleichzeitig die regulatorischen Hürden so hoch machen, dass Unternehmen nicht experimentieren können, verlieren wir genau diese Chance.
Mit Beginn 2027 tritt die Maschinenverordnung in Kraft. Und dort wird explizit auf KI und Robotik abgestellt. Demnach ist der Maschineninverkehrbringer dafür verantwortlich, eine Risikobewertung durchzuführen. Die Regularien sollten nicht dazu führen, dass der Spielraum für die Anwendung in der Industrie eingeschränkt wird – das würde unsere Innovationskraft in einem Zukunftsfeld massiv hemmen.
Ein wichtiger Punkt. In Europa haben wir die Kultur des Absicherns und Kontrollierens zur Perfektion gebracht – es bleibt kaum noch Raum zum Ausprobieren und Experimentieren. Selbst unwahrscheinlichste Nebenfälle sind vom Inverkehrbringer mitzudenken. Das erstickt unsere Innovationskraft. Zudem dauert es oft auch sehr, sehr lange, bis Regularien überhaupt geschaffen werden. Wenn ein Unternehmen zwei Jahre braucht, um zu wissen, ob eine Technologie eingesetzt werden darf, kann die Technologie am Markt bereits wieder überholt sein.
Wenn wir auf China und die USA schauen: Hat Europa überhaupt noch eine Chance?
Ich glaube schon, aber wir müssen sehr schnell sein. China hat enorme Produktionskapazitäten und kann Hardware in großen Stückzahlen herstellen. Gleichzeitig werden dort Roboter massiv getestet und trainiert. Und die USA sind bei Software und KI sehr stark. Europa hat dafür einen enormen Vorteil: unser industrielles Prozesswissen, unsere Automatisierungskompetenz und unsere Ausbildung. Wir müssen diese Stärken zusammenbringen.
China hat bei manchen Unternehmen einfach sehr viel Kapital konzentriert. Man bündelt bestehende Unternehmen, Know-how und Ressourcen und kann dadurch sehr schnell skalieren. Das müssen wir in Europa ebenfalls schaffen – natürlich auf unsere Art. Und dafür ist ein Netzwerk wie AT Styria wichtig. Wir können nicht alles doppelt entwickeln. Nicht jedes Unternehmen kann ein Problem alleine lösen lassen. Wir müssen die richtigen Partner zusammenbringen.
„Wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir bei Herstellkosten Benchmark sein, stabile und sichere Prozesse gewährleisten und dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Dafür bieten neue Robotiktechnologien enorme Möglichkeiten.“
Wo liegt die konkrete Chance für die Steiermark?
Wir müssen uns auf das konzentrieren, was Europa wirklich kann. Wir werden wahrscheinlich nicht den günstigsten humanoiden Roboter der Welt bauen und auch nicht unbedingt das nächste große Sprachmodell entwickeln, aber wir können sehr wohl die besten industriellen Anwendungen bauen. Wenn wir unsere Prozesskompetenz mit KI kombinieren, können daraus hochinteressante und skalierende Geschäftsmodelle entstehen.
Wir haben alles, was wir brauchen: die Unternehmen, die Automatisierung anwenden, die Technologieanbieter und die Forschungseinrichtungen, Universitäten, Fachhochschulen und HTLs – Letztere sind ohnehin einzigartig in Europa. Und wir haben eine Ausbildungstradition, die international bemerkenswert ist. Automatisierung ist ja nicht nur Elektrotechnik, man braucht Mechanik, Elektronik, Software, Prozessverständnis und zunehmend KI. Genau diese Kombination haben wir in der Steiermark. Und mit der AT Styria eine Plattform, die die Kompetenzen bündelt. Wir sehen in den Technologiefeldern in den nächsten Jahren Potenzial für bis zu 10.000 neue Arbeitsplätze.
Haben wir die Fachkräfte dafür?
Ich bin da grundsätzlich optimistisch. Wir haben ein exzellentes Ausbildungssystem und in der Steiermark schon vor Jahrzehnten begonnen, Menschen für Automatisierung auszubilden. Die Unternehmen haben verstanden, dass man Fachkräfte nicht einfach am Markt findet. Man muss sie selbst entwickeln. Natürlich brauchen wir zusätzlich internationale Fachkräfte. Unser Vorteil: Wir haben eine sehr lebenswerte Region mit sehr hoher Lebensqualität.
Wir werden auch Verschiebungen am Arbeitsmarkt sehen. Es gibt Branchen, die heute wirtschaftlich unter Druck stehen und möglicherweise nicht mehr auf das Beschäftigungsniveau von früher zurückkehren. Diese Menschen können künftig in anderen Bereichen gebraucht werden. Deshalb müssen wir Weiterbildung und Umschulung viel stärker denken. Und wir müssen Menschen international nach Österreich holen und ihnen attraktive Ausbildungsmöglichkeiten bieten. Deshalb haben wir beispielsweise den englischsprachigen Bachelorstudiengang Smart Automation an der FH CAMPUS 02 initiiert. Die internationale Nachfrage ist sehr hoch.
Gleichzeitig müssen wir die Rahmenbedingungen schaffen, damit diese Menschen auch bei uns bleiben. Gerade bei internationalen Studierenden und Fachkräften darf es nicht unnötig kompliziert sein, wenn sie hier ausgebildet werden und danach hier bei uns arbeiten wollen. Und wir müssen gesellschaftlich stärker vermitteln, dass die Advanced Technologies kommen. Es reicht nicht, einige hochspezialisierte Experten zu haben. Die gesamte Gesellschaft muss lernen, damit umzugehen und sie zielgerichtet und gewinnbringend in Wirtschaft und Gesellschaft einzusetzen.
„In Europa haben wir die Kultur des Absicherns und Kontrollierens zur Perfektion gebracht – wir müssen aufpassen, dass die Überregulierung nicht unsere Innovationskraft erstickt.“
Wagen wir zum Schluss eine Prognose: Wie viele humanoide Roboter stehen in fünf Jahren in unseren Fabriken?
Wenn wir die Machbarkeitsstudien und Sicherheitsfragen rasch lösen, bin ich überzeugt, dass wir in drei bis fünf Jahren bereits zahlreiche humanoide Roboter in der Industrie sehen werden. Wir haben Druck im Kessel. Denn, wie gesagt, wir haben in der Industrie ein Herstellkostenproblem. Und wir haben einen Fachkräftemangel. Daher können wir diesen Weg nicht ignorieren. Das richtige Mindset entscheidet. Unternehmen, aber auch die Mitarbeiter müssen bereit sein, sich permanent weiterzuentwickeln.
Ich bin überzeugt, dass humanoide Robotik kommen wird. Die Frage ist nicht, ob sie kommt, sondern, ob wir dabei sind. Ich sage immer: Not macht erfinderisch. Wir werden irgendwann unter Druck kommen – und dann wird man feststellen, dass man schneller handeln muss. Genau wie bei anderen Technologien. Europa hat noch alle Möglichkeiten. Wir müssen nur die Ressourcen bündeln und miteinander arbeiten.
Die humanoide Robotik wird ganz sicher in breitem Umfang kommen. Die entscheidende Frage lautet: Spielen wir mit? Wenn wir uns abhängen lassen, kann es irgendwann passieren, dass wir nicht mehr das Kapital und das Know-how haben, um wieder aufzuschließen. Dann wird Österreich zu einer Art Hallstatt 2.0 – damit wäre der Wohlstand nicht aufrechtzuerhalten. Wir müssen jetzt dabei sein!
Ich glaube, wir werden bald die ersten industriellen Anwendungen sehen. Im privaten Bereich wird es länger dauern. Aber die Technologie wird kommen. Wir müssen nur aufpassen, dass Europa nicht wieder den Fehler macht, zuerst sehr viel zu regulieren und erst danach über die Anwendung nachzudenken. Wir haben eine gute Ausbildung, gute Netzwerke und hervorragende industrielle Voraussetzungen. Wenn wir das richtig nutzen, haben wir eine realistische Chance.
Humanoide Roboter kommen. Sie sind eigentlich schon da. Und wir werden noch sehr viele Einsatzbereiche entdecken, an die wir heute gar nicht denken. Aber wir dürfen gleichzeitig nicht vergessen, dass wir unsere Hausaufgaben machen müssen, nämlich grundsätzlich die Digitalisierung voranzutreiben – das ist die Basis.
Es kann schneller gehen, als wir glauben. Wir brauchen mutige Unternehmer, die erste Anwendungen tatsächlich ausprobieren – auch wenn noch nicht alles perfekt ist. Diese Pioniere müssen wir zusammenbringen. Denn ich bin überzeugt, dass die Steiermark, Österreich und Europa hervorragende Voraussetzungen haben, um die nächste große industrielle Innovationswelle aktiv mitzugestalten – die erfolgreiche Verbindung von KI und physischer Produktion.
AT STYRIA / Advanced Technologies
- Die Plattform für Technik der Automatisierung, Digitalisierung und Advanced Technologies. Das Netzwerk verbindet Unternehmen, Bildungs- und Forschungseinrichtungen im Bereich Automatisierungstechnik.
- Die Branche zählt rund 44.000 Beschäftigte in der
Steiermark, die Wertschöpfung beträgt 6,3 Milliarden Euro.
Zum 10. Jubiläum der Plattform setzt das Netzwerk neue Schwerpunkte auf humanoide Robotik, Künstliche Intelligenz und sichere, smarte Produktion. - Drei neue Arbeitsgruppen: „Flexible Robotik“, „Applied Artificial Intelligence“ und „Safety & Security“. Diese bündeln das Know-how an humanoider Robotik, KI und Digitalisierung und unterstützen Unternehmen bei der Umsetzung komplexer Regulatorien wie der Maschinenrichtlinie und neuer EU-Vorgaben. Zudem bietet die Plattform Initiativen im Bereich „Smart Production & Smart Engineering“ für durchgängig vernetzte, datengetriebene Produktionsketten.
- Kontakt: helmut.roeck@wkstmk.at
ERAT 2026
European Robotics & Automation Talks
AT Styria und GMAR laden zum großen Branchen- und Netzwerktreffen von Herstellern, Anwendern, Entwicklern und Systemintegratoren aus unterschiedlichen europäischen Ländern.
- Wann: 5. 10., Wo: WKO Steiermark
- Infos und Anmeldung unter: www.erat.at
Fotos: Oliver Wolf