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Chancen und Risiken für heimische Lebensmittelproduzenten

Das Handelsabkommen EU-Mercosur bringt die ewige Grundfrage Regionalität versus Weltmarkt im Bereich Lebensmittel wieder brandaktuell auf den Tisch. Was brauchen heimische Landwirte und Lebensmittelproduzenten, um nachhaltig erfolgreich zu sein? Und wie können Innovation und die Veredelung von Produkten den Betrieben neue Chancen bringen? Darüber diskutierten Expertinnen und Experten bei uns am Roundtable.

Talk im Turm

TALK IM TURM ist ein Diskussionsformat von SPIRIT of Styria.
Jeden Monat laden wir Expertinnen und Experten zur Diskussion über ein spannendes Wirtschaftsthema an den Runden Tisch in die Redaktion an den Technopark Raaba.

Ein Mann mit kurzen Haaren und einem Bart, der einen Blazer trägt, gestikuliert mit beiden Händen, während er in einem Haus sitzt und lächelt.
Bernd Brodtrager

Direktor Steirischer Bauernbund, Landwirt

Eine Frau mit Brille und schwarzem Anzug gestikuliert mit den Händen, während sie spricht. Sie sitzt in einem Raum vor einer verschwommenen Landkarte an der Wand.
Bettina Habel

Leiterin Schinkenerlebniswelt Vulcano in Auersbach

Älterer Mann mit grauem Haar und Brille gestikuliert, während er spricht. Er trägt eine grüne Jacke und ein kariertes Hemd und sitzt in einem Haus an einem Tisch.
Manfred Kohlfürst

Obmann Verband Steirischer Erwerbsobstbauern sowie Österreichischer Branchenverband für Obst und Gemüse, Landwirt

Eine Frau mit langen braunen Haaren sitzt an einem Schreibtisch, hält einen Stift in der Hand und lächelt, im Hintergrund sind blaue Vorhänge und große schwarze Flaschen zu sehen.
Susanne Urschler

Leiterin Styrian Food Hub in der SFG, Vernetzungsplattform für Unternehmen im Bereich Lebensmittelinnovation

Ein Mann in einem Blazer und gemustertem Hemd gestikuliert mit der Hand, während er spricht, und sitzt in einem Haus vor einem hellen Hintergrund.
Andreas Cretnik

Vorstand ALWERA AG und Geschäftsführer Estyria („Steirerkraft“)

Der Agrarsektor sieht Mercosur überwiegend kritisch. Ist das Handelsabkommen für steirische Lebensmittelproduzenten nur Fluch oder kann es auch Segen sein?

Brodtrager:

Ich betone vorab: Die heimische Land- und Forstwirtschaft hat grundsätzlich nichts gegen Handel. Im Gegenteil: Außenhandel erbringt einen wichtigen Teil unserer Wertschöpfung – wir sehen es beim Schweinefleisch, wo Teile wie Innereien und Haxen exportiert werden, die wir nicht essen. Wenn China seine Abnahme wie derzeit einschränkt, dann spüren wir das in der gesamten Wertschöpfungskette – bis hin zu den Preisen für unsere Bauern. Auch Kernöl exportieren wir erfolgreich in Drittländer – ebenso den steirischen Apfel. Der Unterschied ist jedoch: Wir exportieren Qualitätslebensmittel, aber importieren Billigware, die unsere Landwirtschaft unter Druck setzt – mit Mercosur droht hier eine weitere Verschärfung. Schließlich reden wir von gewaltigen Kontingenten, etwa 180.000 Tonnen Zucker oder 99.000 Tonnen Rindfleisch, die künftig zollfrei nach Europa kommen sollen – das werden unsere Landwirte spüren. Daher haben wir umgehend ein Fünf-Punkte-Schutzprogramm vorgelegt, das heimische Produzenten schützen soll. Entscheidendes Thema dabei ist auch die Herkunftskennzeichnung.

Cretnik:

Für uns Produzenten kann Mercosur auch eine Chance sein – vor allem, weil der Schutz von Herkunftsbezeichnungen Teil des Abkommens ist. Qualität- und Herkunftssiegel wie g.g.A. für steirisches Kürbiskernöl gelten in solchen Abkommen über den europäischen Markt hinaus auch in Drittstaaten. Damit sind Trittbrettfahrer bei Kürbiskernöl oder der Käferbohne bekämpfbar. Derzeit steht Südamerika für uns aber nicht im Fokus. Wir sind gerade dabei, den US-Markt zu erschließen. Es gelang uns, mit unserem Kürbiskernöl bei der zweitgrößten Lebensmittelkette der USA gelistet zu werden. Punkten können wir vor allem durch die hohe Qualität. In Europa ist eine Expansion schwierig. Neue Märkte bieten die Chance, zu vernünftigen Preisen zu wachsen, die auch am Ursprung der Wertschöpfungskette, bei den Bauern, ankommen. Dennoch denke ich, dass Mercosur in Summe für die Landwirtschaft wohl mehr Nachteile als Vorteile bringen wird – siehe etwa die heimische Zuckerbranche, die schon jetzt massiv unter Druck steht. Es wird Gewinner und Verlierer geben.

Brodtrager:

Daran sieht man. DIE Landwirtschaft gibt es nicht. Es gibt viele Sektoren, die unterschiedlich betroffen sind – und man muss stets jeden Sektor für sich betrachten.

Eine Frau mit Brille und schwarzem Anzug gestikuliert mit den Händen, während sie spricht. Sie sitzt in einem Raum vor einer verschwommenen Landkarte an der Wand.

„Gute Lebensmittel verkauft man über Geschichten und Emotionen. Wir müssen uns noch mehr Gedanken darüber machen, wie wir den Menschen unsere hochwertigen Produkte vermitteln und transparent erklären.“

Bettina Habel
Leiterin Schinkenerlebniswelt Vulcano

Inwieweit sind Produzenten wie Vulcano betroffen?

Habel:

Direkt sind wir von Mercosur zwar nicht betroffen – für uns ist der DACH-Raum der Hauptmarkt, aber es wird sicher indirekte Auswirkungen geben, da vermehrt landwirtschaftliche Produkte und Rohstoffe wie Soja zu uns kommen werden und damit Märkte und Preise beeinflussen. Umso wichtiger wird es in Zukunft sein, dass wir in der Steiermark voll auf Qualität setzen. Wir müssen uns noch mehr Gedanken darüber machen, wie wir den Menschen unsere hochwertigen Produkte vermitteln und transparent erklären. Nur wenn die Kunden verstehen, was hinter den Produkten steht, können wir auch höhere Preise rechtfertigen. Das wird mehr denn je die große Herausforderung sein. In der Schweinebranche geht es vor allem um das Thema Wertehaltung. Da bedarf es noch viel Überzeugungsarbeit – denn letztlich müssen wir verhindern, dass die Anzahl der Landwirte nicht noch weiter sinkt. Auch eine Frage der Versorgungssicherheit – siehe die aktuelle Krisenlage auf der Welt.

Urschler :

Für Commodities, also Massenprodukte, wird es künftig durch Mercosur natürlich schwieriger werden. Überall dort, wo eine Differenzierung über Qualität möglich ist, kann das Abkommen für heimische Erzeuger aber sehr wohl neue Chancen bieten. Die Positionierung wird noch wichtiger – und damit auch die Frage der Herkunftsbezeichnung. Mercosur eröffnet immerhin einen zusätzlichen Markt von 260 Millionen Menschen – mit dementsprechenden Absatzmöglichkeiten für hochqualitative Produkte. Wie schnell sich neue Märkte bilden können, beweisen die aktuellen Exportzahlen Richtung Kanada – unsere Exportrate im Lebensmittelbereich stieg zuletzt um fast 50 Prozent. Ich bin überzeugt, es gibt noch weitere Märkte auf der Welt, die gerade für Premiumhersteller lukrativ sein können. Die Frage ist natürlich, wie sich Europa insgesamt auf anderen Kontinenten positionieren wird. Premium aus Europa – um das in die Köpfe der Menschen in Südamerika zu bringen, braucht es Anstrengungen auf europäischer Ebene.

Wie ist die Situation bei Obst und Gemüse?

Kohlfürst :

Obst und Gemüse sind nicht Teil der genannten Freihandelskontingente. Das ist grundsätzlich positiv. Gleichzeitig müssen wir zugeben, dass wir bei Obst und Gemüse in Österreich in vielen Bereichen nicht Vollversorger sind. Wir haben hier keine Überproduktion wie etwa im tierischen Bereich. Eine Ausnahme ist der Apfel, den wir zwar exportieren – auf der anderen Seite aber importieren wir verarbeitete Produkte wie Apfelsäfte. In der Nettobilanz sind wir also nicht einmal beim Apfel Selbstversorger. Das Beispiel Apfel zeigt auch, dass Konsumenten ganz bewusst zum österreichischen bzw. steirischen Produkt greifen. Herkunft ist hier also ein Kriterium – bei anderen Obstsorten ist das meist nicht der Fall.

Ein Mann in einem Blazer und gemustertem Hemd gestikuliert mit der Hand, während er spricht, und sitzt in einem Haus vor einem hellen Hintergrund.

„In Europa ist eine Expansion schwierig – daher freuen wir uns, dass es nun gelungen ist, mit unserem Kürbiskernöl bei der zweitgrößten Lebensmittelkette der USA gelistet zu werden.“

Andreas Cretnik
Geschäftsführer Estyria

Welche Produkte hat die Steiermark eigentlich, die skalierbar sind?

Cretnik:

Beim Kernöl ist das gut gelungen. Als ich angefangen habe, im Jahr 2010, waren es 1.400 Bauern, die 1,4 Millionen Liter Kürbiskernöl mit dem g.gA.-Siegel produzierten. Jetzt sind es 3.700 und rund 3,2 Millionen Liter. Tendenz steigend. Aber Wachstum braucht seine Zeit. Manches geht schneller, manches dauert länger. Auch die Käferbohne ist ein Produkt, das es kaum sonst wo auf der Welt gibt. In mehreren Ländern hat man sie probiert anzubauen, aber gleich wieder aufgegeben, weil der Ertrag nicht passte. Wir könnten noch ein Vielfaches verkaufen, aber derzeit haben wir die Mengen nicht. Dazu kommt der Klimawandel als zunehmendes Thema – daher wird das Saatgut laufend weiterentwickelt. Alles ist nicht skalierbar – schon von der Natur aus. Wir schauen, dass wir kritische Mengen erzielen und Produkte mit ausreichend Volumen für den Markt entwickeln. Wir haben unlängst etwa ein steirisches Apfelkompott kreiert, weil es im Handel nichts Vergleichbares gibt. Das ist auf internationalen Messen super angekommen.

Urschler:

Es gibt immer wieder spannende Innovationen. Spontan fällt mir Agrana ein, die spezielle Nischenprodukte in Dubai ausgestellt haben – Splits und Crispies. Es gibt auch andere Firmen wie Grünewald, die international stark vertreten sind. Wichtig ist, dass die Betriebe gut skalieren können, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Für Märkte außerhalb Europas ist es ohne große Marketinganstrengungen schwierig. Leichter ist es natürlich im DACH-Raum, wo die Steiermark einen exzellenten Ruf genießt.

Wie wichtig ist eine lückenlose Herkunftskennzeichnung bei Lebensmitteln?

Kohlfürst:

Ganz entscheidend, denn wir haben vor allem bei verarbeiteten Produkten ein Problem. Daher fordern wir als Obst- und Gemüsebranche auch in der Verarbeitung von Obst und Gemüse eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung. In anderen Ländern, etwa den USA, ist das längst gang und gäbe. Wir machen immer wieder Storechecks, dabei lesen wir auf den Produkten zwar „Hergestellt in Österreich“, aber wir erfahren nicht, woher das Obst wirklich stammt. Bei den großen Obst- und Gemüseverarbeitern stoßen wir auf massiven Widerstand. Gleichzeitig wird die Mündigkeit der Konsumenten immer wichtiger – der Konsument soll entscheiden dürfen, woher er seine Lebensmittel bezieht. Wir wissen, dass wir generell ein Drittel Qualitätskäufer haben und zwei Drittel Preiskäufer. Aber der, der Qualität kaufen will, soll sich auch bewusst dafür entscheiden können – das geht bei Obst und Gemüse oft nicht. Daher sehen wir, dass Gemüse- und Obstanbau im europäischen Raum zunehmend schwindet. Auch weil wir uns in der EU und speziell in Österreich immer mehr Werkzeuge im Pflanzenschutz aus der Hand nehmen lassen. Die Produktion geht immer mehr in Länder wie Marokko – dort werden mittlerweile 10.000 Hektar Heidelbeeren und 5.000 Hektar Himbeeren angebaut. Die Menschen arbeiten für einen Stundenlohn von 90 Cent. Hierzulande reden wir von Lohn und Lohnnebenkosten in der Landwirtschaft von 18 oder 19 Euro für die billigste Arbeitskraft. In Österreich sind wir ohnehin die teuersten in ganz Europa. Daher lautet die Herausforderung: Wie können wir unsere hohe Qualität – und damit die hohen Sozialstandards – halten, während wir immer mehr mit Billigländern konkurrieren müssen?

Brodtrager:

Ganz klar, der Konsument muss die Wahl haben dürfen – dafür braucht er völlige Transparenz, was er einkauft bzw. was er isst. Bei der Herkunftskennzeichnung in der öffentlichen Beschaffung haben wir diese Verpflichtung seit September 2023. Das heißt, Großküchen oder Kantinen müssen bei Fleisch, Milch oder Eiern bereits deklarieren, woher die Ware stammt. Wir sprechen hier immerhin von über eineinhalb Millionen Tellern pro Tag. Bei verarbeiteten Lebensmitteln ist es ein bisschen komplizierter, denn diese werden EU-weit produziert, verarbeitet und gehandelt. Die Transportwege sind weit verzweigt und die Zutaten kommen aus unterschiedlichen Ländern – hier drängen wir auf eine praktikable Lösung auf europäischer Ebene.

Ein Mann mit kurzen Haaren und einem Bart, der einen Blazer trägt, gestikuliert mit beiden Händen, während er in einem Haus sitzt und lächelt.

„Die Herkunftskennzeichnung ist für uns ganz entscheidend, der Konsument muss die Wahl haben dürfen – gerade auch in der Gastronomie. Aber es braucht einen Konsens zwischen Bauern und Gastwirten.“

Bernd Brodtrager
Direktor Steirischer Bauernbund

Und in der Gastronomie?

Brodtrager:

Die Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie ist eine langjährige Forderung des Bauernbunds. Während etwa beim Fleisch in der gesamten Verarbeitungskette bis hin zum Großhandel alles genau deklariert werden muss, beginnt die Wolke der Intransparenz bei der Gastronomie bzw. den Cateringfirmen. Das verstehen wir nicht! Der Konsument soll Bescheid wissen dürfen und die Wahlfreiheit haben. Wir wissen aus Gastro-Checks, dass die Mehrheit des Fleischs in der Gastronomie nicht aus Österreich kommt. Was es gibt, ist die freiwillige Kennzeichnung, wie sie etwa die AMA-Genussregionsbetriebe praktizieren. Zudem gibt es Initiativen wie den Jungbauern-Transparenz-Teller, den die steirischen Jungbauern im Vorjahr ins Leben gerufen haben. Dabei werden Gastrobetriebe ausgezeichnet, die freiwillig kennzeichnen – damit werden bewusst positive Beispiele vor den Vorhang geholt. Mercosur bietet hier meines Erachtens ein gutes Fenster, um die Transparenz-Diskussion wieder verstärkt zu führen.

Kohlfürst:

Das AMA-Gütesiegel auf der Speisekarte würde ja bereits reichen. Von den Gegnern wird gern argumentiert, dass die Gastronomen dann alles im Detail bis zum letzten Bauern hinschreiben müssten. Ein Scheinargument. Zum Thema Herkunftskennzeichnung haben wir auch im Vorjahr in Wien mit einem Sozialpartner eine relativ intensive Diskussion geführt. Von dort kam die Aussage: „Herkunft ist kein Qualitätskriterium. Entscheidend ist einzig der Preis. Und überhaupt: Die Lebensmittel sind schuld an der Inflation – die Preise müssen runter, alles andere ist sekundär.“ Das ist die vorherrschende Haltung in manchen politischen Lagern. Nach dem Motto: Die Menschen wollen billig kaufen und es ist ihnen egal, was draufsteht und drin ist. Fakt ist allerdings, dass wir in Österreich prozentuell sehr wenig für Lebensmittel ausgeben und diese gar nicht der große Preistreiber sein können.

Brodtrager:

Wir haben nachgerechnet: Exakt 0,43 Prozent betrug der Anteil, den gestiegene Lebensmittelpreise zur Inflation im Jahr 2025 beitrugen – bei über 3,6 Prozent Inflation. Aber die Diskussion stand in keiner Relation zu den statistischen Zahlen.

Cretnik:

Auch wir hatten in den vergangenen Jahren mit Kostensteigerungen zu kämpfen – ob bei Personal oder Energie. Die Preiserhöhungen, die wir eigentlich hätten machen müssen, waren aber beim Handel nicht in dem Umfang durchzusetzen, wie wir sie gebraucht hätten. Darunter leidet dann die ganze Wertschöpfungskette – und am Ende konnten weder wir Produzenten noch die Landwirte ihre Mehrkosten kompensieren und hatten Einbußen zu erleiden. Der Einzelhandel hat eine große Marktmacht – ganz klar. Wir würden unseren Bauern gerne mehr zahlen, wenn wir die entsprechenden Preise durchbringen würden.

Eine Frau mit langen braunen Haaren sitzt an einem Schreibtisch, hält einen Stift in der Hand und lächelt, im Hintergrund sind blaue Vorhänge und große schwarze Flaschen zu sehen.

„In unserer Masterclass entwickeln Lebensmittelinnovatoren neue Produkte in nur sechs Monaten bis zur Marktreife – idealerweise für den Weltmarkt.“

Susanne Urschler
Leiterin Styrian Food Hub

Viele Produzenten sind auf den Einzelhandel angewiesen. Tut sich eine starke Marke wie Vulcano leichter?

Habel:

Der Einzelhandel ist für uns immer noch wichtig, aber wir sind im Vertrieb breit aufgestellt und forcieren den Direktvertrieb. Markenprodukte mit hoher Qualität, die anders erzeugt werden als Billigprodukte, haben es im Regal schwer. Für Konsumenten ist oft nicht erkennbar, warum ein bestimmtes Produkt teurer ist als ein anderes scheinbar vergleichbares Produkt, das gleich daneben liegt. Der Konsument hat drei Sekunden Zeit, in denen er sich entscheiden muss. Ich merke es auch bei unseren Kunden in der Schinkenwelt – obwohl wir seit Jahren sehr hohe Tierwohlstandards haben, gibt es immer wieder Leute, die sich wundern, warum unsere Schweine nicht wie das Ja-Natürlich-Schwein auf der grünen Wiese herumlaufen. Daran sieht man den Einfluss der Werbemaschinerie und welche Bilder sie bei den Menschen erzeugen. Wenn diese dann bei uns durch die Schinkenwelt gehen und wir ihnen unsere Philosophie erklären und Geschichten erzählen, haben sie am Ende ein komplett anderes Verständnis für unsere Produkte. Im Alltag haben viele meist gar nicht die Zeit, sich mit diesen Themen zu beschäftigen.

Cretnik:

Daher ist es so wichtig, den Konsumenten die Möglichkeit zu geben, dass sie sich ein Bild von der Produktion machen können. Wir merken es auch beim Kürbiskernöl – es hat einen enormen Schub gebracht, als die Menschen in die Ölmühlen gekommen sind, um sich den Weg vom Kürbis zum Produkt anzuschauen. Auch unser Kürbiskernöl-Championat leistet einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseinsbildung. Wir hatten Spitzengastronomen zu Gast, die vor dem Championat gar nicht wussten, welche Qualitäten beim Kürbiskernöl möglich sind und wie viel Aufwand dahintersteckt. Ein bekannter Gastronom meinte einmal, als ihm die ganze Prozesskette bewusst wurde: „Ihr seid viel zu billig!“ Ein Produkt wie Kürbiskernöl zu erzeugen, birgt auch viel Risiko – vor allem für den Landwirt. In der Vegetationsperiode kann viel passieren, im Extremfall schaut am Ende des Tages gar nichts heraus. Daher gehört der Pflanzenschutz unbedingt dazu. Ein wichtiges Beizmittel wurde vor Jahren einmal über Nacht von der EU verboten. Eine Alternative findet sich nicht so schnell. Das Ergebnis war, dass wir in diesem Jahr den schlechtesten Ertrag aller Zeiten hatten. Es gab Bauern, die hatten null Ertrag. Wenn wir mehr Bewusstsein schaffen, welches Risiko ein Bauer unter freiem Himmel hat und wie viel Arbeit dahintersteckt, ist der Konsument auch eher bereit, einen fairen Preis zu bezahlen.

Urschler:

Daher sind auch die Erlebniswelten so wertvoll und wichtig. Ob Vulcano, Fischerauer oder Zotter – das sind Produktionen und Produkte, die perfekt in Szene gesetzt werden. Auf diese Weise kann man darstellen, wie viel Arbeit sich hinter den Genussprodukten verbirgt und wieso ein Produkt so hochwertig ist. Auch die Kernothek bei euch in Wollsdorf ist ein super Beispiel.

Habel:

Gute Lebensmittel verkauft man über Geschichten und Emotionen. Zudem haben wir alle nun ein Medium zur Verfügung, das jeder Landwirt verwenden kann. Jeder hat ein Handy und kann Videos machen. Es gibt ja schon viele gute Beispiele, es braucht noch ein bisschen mehr Umdenken in der Landwirtschaft. Denn gerade auf Plattformen wie TikTok gibt es ja genug Inhalte, die haarsträubend sind – es werden Dinge verbreitet, die nicht sehr gescheit sind. Und gerade wir in der Landwirtschaft hätten so viel zu erzählen, worüber geredet werden sollte. Ich würde behaupten, es gibt weltweit keinen lebenswerteren Fleck auf der Erde als Österreich. Wir haben so wertvolle Dinge bei uns in der Region, gerade in der Steiermark. Wir sind die Region mit der dichtesten Vielfalt an Kulinarik – auf einem kleinen Gebiet entsteht hoch Veredeltes, das auch noch erlebbar sind. Ich finde, so viel National- oder Regionalstolz sollten die Menschen haben, dass sie das auch schätzen – statt sich am Regal gedankenlos für ein Billigprodukt zu entscheiden.

Kohlfürst:

Wir sollten auch eines nicht vergessen: Wir haben in der Landwirtschaft schon die Verantwortung, dass wir die Leute, die bei uns in Österreich leben, ernähren können sollten – auch wenn eine vollständige Versorgungssicherheit in allen Bereichen illusorisch ist. Dafür ist die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten gerade in der Produktion zu groß – das beginnt schon bei Düngemitteln. Aber wir sollten nicht vergessen: Es ist noch nicht so lange her, dass wir eine Krise hatten, wo die Handelswege zu waren und wo man gesehen hat, gerade beim Konsumenten, wie viel der Bauer ums Eck auf einmal wert war. Zur Corona-Zeit haben die Ab-Hof-Läden geboomt – aber das hat man sehr schnell wieder vergessen. Wer regional einkauft, sichert auch Versorgungssicherheit – das Bewusstsein sollten wir haben. Abgesehen davon, dass wir viel Gutes tun: für den Bürger, für die Kulturlandschaft, für den Tourismus und die Wirtschaft.

Brodtrager:

Ganz richtig, das Problem ist, dass die Landwirtschaft generell kein gutes Image hat – und das hat einen Grund: Die Menschen meiner Generation sind die ersten, die von der Land- und Forstwirtschaft, keinen Tau mehr haben. Das war in meiner Elterngeneration noch ganz anders – die hatten noch einen Bezug, weil sie vielfach selbst von einem Betrieb gekommen sind. Das hat sich massiv geändert. Wir reden mittlerweile vom Faktor 3 zu 97. Daher müssen wir, die 3%, den 97% nun viel mehr erklären, wie wir Lebensmittel anbauen und Tiere halten und warum Pflanzenschutz so wichtig ist für gesunde Lebensmittel und vieles mehr. Wir hatten noch nie so sichere Lebensmittel in Österreich wie in den vergangenen Jahren. Ich bin ganz bei Frau Habel. Wir müssen unsere Geschichten, ob in der Manufaktur oder direkt am Feld, erzählen – das ist auch unsere Aufgabe. Denn wenn wir es nicht tun, dann tun es andere für uns – ob der VGT bei der Tierhaltung oder Global 2000 beim Pflanzenschutz oder der WWF bei Wolf und Biber. Nur mit einem großen Unterschied: Bei uns steht unter dem Strich gesellschaftliche Verantwortung – und bei den anderen steht leider nur: Spenden Sie jetzt!

Habel :

Was ich bedenklich finde ist, dass man als schweineerhaltender Betrieb bzw. als Schweinebauer inzwischen fast als mittlerer Schwerverbrecher gilt – vom Image her nicht vergleichbar mit einem Weinbauern. Dabei versuchen wir alle, hochwertige Produkte zu erzeugen – und machen das mit ganz viel Herzblut. Bei einem Schweinebauern ist die Arbeit vielleicht noch intensiver, weil er täglich im Stall steht, täglich mit einem Lebewesen arbeitet – dennoch wird das nicht als besonders wertvoll hingestellt. Diese Wertehaltung im Lebensmittelbereich fehlt einfach. Daher braucht es ganz viel Kommunikation und Vermittlung. Ich würde mir eine richtig coole Kampagne für Fleischbetriebe bzw. für Landwirte, die im Fleischbereich tätig sind, wünschen.

Kohlfürst:

Uns geht es ähnlich: Wir sind „Verbrecher“, weil wir Pflanzen schützen. Allein die Begrifflichkeit ist unlogisch: Wenn man Tiere oder die Jugend schützt, ist alles positiv, wenn wir Pflanzen schützen, ist es negativ. Es wird gerade von NGOs vieles behauptet – oft auch bewusst Irreführendes. Denn in deren Aussagen geht es ja nie um Humantoxizität, also um schädigende Wirkungen auf den Menschen, sondern um andere potenzielle Umweltauswirkungen, etwa auf Mikroorganismen oder Insekten, wenn zu viel eingesetzt wird. Wir haben Pflanzenschutz 20 Jahre schlechtgeredet. Weil wir uns eingeredet haben, es geht auch ohne. Mittlerweile sehen wir, dass das leider nicht funktioniert. Bei Obst und Gemüse fehlen uns einfach die Wirkstoffe, konventionell und im Biobereich. Laufend fallen Wirkstoffe weg und es kommt nichts Neues nach. Die Produktion wird dadurch immer schwieriger. Darüber müssen wir reden! Daher bereiten wir gerade eine Kampagne vor. Um Lebensmittel zu produzieren, braucht es Pflanzenschutz.

Älterer Mann mit grauem Haar und Brille gestikuliert, während er spricht. Er trägt eine grüne Jacke und ein kariertes Hemd und sitzt in einem Haus an einem Tisch.

„Wir lassen uns in der EU und speziell in Österreich immer mehr Werkzeuge im Pflanzenschutz aus der Hand nehmen – dafür steigen die Importe. Klar ist: Um Lebensmittel zu produzieren, braucht es Pflanzenschutz!“

Manfred Kohlfürst
Obmann Verband Steirischer Erwerbsobstbauern

Von der Urproduktion zum Produkt: Was leistet der Styrian Food Hub, um Lebensmittelinnovationen aus der Steiermark in die Welt zu tragen?

Urschler:

Der Styrian Food Hub ist ein stark wachsendes Netzwerk. Wir sind bereits über 65 Mitgliedsbetriebe, die sehr aktiv sind. Unsere Kernaufgabe ist es, Kompetenzen und technologisches Know-how zu bündeln und steirische Unternehmen, ob Start-up oder Großbetrieb, mit internationalen Partnern zu vernetzen. Wir treiben Innovationen voran, vor allem im Bereich Digitalisierung und KI, und unterstützen heimische Betriebe auf dem Weg auf den Weltmarkt. Diese Innovationen forcieren wir durch unsere Masterclass, ein Format, in dem wir Lebensmittelinnovatoren umfassendes Know-how vermitteln – von der Positionierung, über die Geschäftsmodellentwicklung bis zum Vertrieb. Gemeinsam mit Experten entwickeln die Teilnehmer in nur sechs Monaten völlig neue Produkte bis zur Marktreife. Immer mit Blick darauf, was gerade im Trend liegt: Derzeit sind das Themen wie Proteine, Ballaststoffe oder Fermentation. So hatten wir zuletzt ein spannendes Projekt, bei dem aus Sonnenblumen-Presskuchen Kakao erzeugt wurde – in Zeiten stark steigender Kakaopreise überaus spannend. Entscheidend für den Erfolg ist der Wille zur Kooperation.

Cretnik:

Wir sind auch Mitglied beim Styrian Food Hub und ich kann bestätigen, dass auch wir von dieser Zusammenarbeit profitieren – es kommen immer wieder neue Ideen aus anderen Bereichen. Wir sehen, dass sich gemeinsam mehr erreichen lässt. Gerade im Lebensmittelbereich geht es darum, Dinge zu kombinieren und damit gemeinsam Neues zu entwickeln. Die Vernetzung untereinander bietet viele Vorteile – damit wird die Lebensmittelproduktion in der Steiermark insgesamt gestärkt.

Urschler:

Entscheidend ist auch die Sichtbarkeit auf internationalen Märkten – daher unternehmen wir Messe- und Delegationsreisen in unterschiedliche Länder.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten – was wünschen Sie sich für die Lebensmittelproduktion in der Steiermark?

Brodtrager:

Wir wissen aus Befragungen: Dreiviertel der österreichischen Jungbäuerinnen und Jungbauern blicken positiv bis sehr positiv in die Zukunft. Wir haben statistisch auch den höchsten Anteil an jungen Hofübernehmerinnen und Hofübernehmern europaweit. Österreich liegt hier auf Platz eins. Das heißt, wenn ich einen Wunsch hätte, dann jenen, dass das so bleiben soll.

Cretnik:

Ich wünsche mir die drei W – also WWW, was aber nichts mit dem Internet zu tun hat. Einerseits wünsche ich mir Wertschätzung für die Arbeit, die die Bauern und die Lebensmittelproduzenten leisten, die auf heimische Rohstoffe setzen. Und ich wünsche mir die notwendige Wertschöpfung, dass man für seine Leistungen einen fairen Preis erlöst und diese Produkte am Ende des Tages beim Konsumenten die entsprechende Wertigkeit haben.

Urschler:

Unser Netzwerk lebt vom Geist der Kooperation – und unserer Offenheit für neue Themen, etwa was die Digitalisierung betrifft. Ich denke nur an die Joanneum Research, die einen Greifarm mit viel Sensorik für Erntehelfer entwickelten. Auch KI spielt in solchen Projekten eine zunehmend wichtige Rolle. Ich weiß, es nicht immer einfach, Bestehendes zu ändern, aber ich bin überzeugt, wir müssen einfach immer innovativ bleiben. Dafür haben wir beste Voraussetzungen – allen voran ganz tolle Betriebe. Und auch immer wieder spannende Veranstaltungen: zum Beispiel den Österreichischen Bundeskongress für Fermentation am 23. und 24. April, der heuer erstmals in St. Veit in der Südsteiermark stattfindet.

Habel:

Im Grunde wünsche ich mir Menschen, die sich selbst so wertvoll sind, dass sie sich bewusst dafür entscheiden, hochwertige Produkte, idealerweise aus Österreich, jedenfalls aus guter Erzeugung, zu konsumieren. Und die sich darüber informieren, was sie ihrem Körper zuführen. Am Angebot scheitert es nicht. Wir haben ausreichend Produzenten in unserer Region, die allesamt hochwertige Produkte erzeugen.

Kohlfürst:

Ich wünsche mir Vertrauen. Denn ich würde mir auch nicht anmaßen, einem Arzt zu sagen, was er zu tun hat. Beim Thema Pflanzenschutz reden aber viele mit – auch Konsumenten, die von der Landwirtschaft leider keine Ahnung haben. Daher wünsche ich mir wieder dieses Vertrauen von Seiten der Konsumentinnen und Konsumenten, dass wir Bäuerinnen und Bauern unsere Profession nach bestem Wissen und Gewissen ausüben. Und dass wir mit den höchsten Standards die besten Lebensmittel produzieren, die die Menschen bedenkenlos essen können.

Fotos: Oliver Wolf

Banner mit dem Text "trinkvergnügen" und "Über 450 Weine & Champagner einfach online bestellen." Rechts zeigt ein Foto zwei Gläser Rotwein auf einem Holztisch im Freien bei Sonnenuntergang.