Von der Verzweiflung zur Vision
Gute gegen schlechte Bakterien: Das Grazer Start-up Lanbiotic setzt auf probiotische Pflegeprodukte, um Neurodermitis zu lindern. Herzstück dafür ist der von Katrin Susanna Wallner entdeckte und patentierte Bakterienstamm Lactococcus lanbioticus. Er kommt zum Einsatz, um das Hautmikrobiom in Balance zu bringen.
Neurodermitis ist eine Volkskrankheit. In westlichen Nationen ist mittlerweile jeder 20. Erwachsene und bis zu jedes vierte Kind davon betroffen, Tendenz steigend. Die Haut juckt, schuppt sich, kann aufbrechen und bluten. Auch der älteste Sohn von Katrin Susanna Wallner und Patrick Hart litt besonders während der Pandemie an starken Schüben an den Händen, die durch das Verwenden von Desinfektionsmitteln begünstigt wurden. Oft hilft bei dieser chronischen Erkrankung nur Kortison, das wollten die Eltern aber nicht auf Dauer anwenden. Verwendete Präparate brannten auf den erkrankten Stellen, die Lebensqualität war deutlich gemindert, der Leidensdruck hoch. Für Katrin Susanna Wallner war es die Initialzündung, sich selbst auf die Suche nach einer Lösung zu begeben. Sie wusste aus ihrer Tätigkeit als Zahnmedizinerin, wie entscheidend die Balance des Mikrobioms im Mundraum ist. Daher rückte sie in ihren Recherchen das Hautmikrobiom in den Fokus. Wie auch unser Darm ist unsere Haut von Milliarden von Bakterien besiedelt, die als Gemeinschaft wie ein Schutzschild fungieren. Häufig ist das Hautmikrobiom bei Neurodermitis jedoch aus dem Gleichgewicht geraten – und zwar durch das gehäufte Vorkommen des Bakteriums Staphylococcus aureus, das Ekzeme auslösen kann. „Je mehr man von diesem Bakterium auf der Haut hat, desto schwerer sind die Ekzeme, die auftreten“, erklärt Wallner die problematische Besiedlung des Hautmikrobioms.
Heureka-Moment
„Es hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Ich wollte meinem Sohn das Leben erleichtern und habe mich verpflichtet gefühlt, etwas zu tun“, beschreibt sie die Motivation für eine intensive Forschungstätigkeit in Kooperation mit dem Austrian Centre of Industrial Biotechnology ab 2021. Von Anfang an war in ihrem Umfeld und auf der Basis erster Befragungen in der möglichen Zielgruppe Resonanz da, „das war ein großer Ansporn“. Der Plan: Die Dominanz des problematischen Bakterienmilieus auf der Haut durch gute, probiotische Bakterien auszugleichen. „Unser Ziel war es, ein Bakterium zu finden, welches das pathogene Bakterium Staphylococcus aureus hemmen kann, um so ein ausgeglichenes Milieu für das Hautmikrobiom zu erreichen.“ Und tatsächlich entdeckte die Medizinerin einen natürlichen Bakterienstamm, der sich als hochwirksam gegen S. aureus erwies und den Namen Lactococcus Lanbioticus erhielt: „Wir haben den erwünschten Effekt im Labor gesehen. Wie wirkungsvoll er war, hat aber auch uns sehr überrascht“, erzählt Wallner über ihren Heureka-Moment. Möglich war die intensive Forschung unter anderem auch durch die Unterstützung der Forschungsförderungsgesellschaft FFG und des Austria Wirtschaftsservice (aws), das mit einem sechsstelligen Betrag zur Umsetzung beigetragen hatte. „Mut und Einsatz werden da wirklich belohnt“, bestätigt Wallner, „risikoreiche Forschung wird in Österreich gut unterstützt. Das hat uns sehr geholfen. Ich bin sehr dankbar, dass die Förderinstitutionen von Anfang an großes Vertrauen in uns hatten.“
Rasch auf den Markt
2023 konnten bereits klinische Studien durchgeführt werden, „die Ergebnisse waren so überzeugend, dass schnell klar war, dass wir damit auf den Markt gehen können und müssen“. Gemeinsam mit ihrem Lebenspartner, dem ausgebildeten Soziologen Patrick Hart, gründete sie das Biotechnologie-Start-up Lanbiotic. Der Stamm wurde international zum Patent angemeldet und bildet das Herzstück der Lanbiotic-Produkte. Als Erstes wurde eine Pflegecreme auf den Markt gebracht, die Milliarden lebender probiotischer Bakterien enthält. Durch die spezielle Formulierung können diese direkt auf die Haut gebracht werden. „Am besten wird die Creme auf die feuchte Haut aufgetragen, dann werden die Bakterien aktiv und entfalten ihre Wirkung.“
„Ich wollte meinem Sohn das Leben erleichtern und habe mich verpflichtet gefühlt, etwas zu tun.
Es hat mich einfach nicht mehr losgelassen.“
Bahnbrechendes Verfahren
Das Team um Wallner hat darüber hinaus eine neuartige Zellverkapselungstechnologie im Labor entwickelt, mit der die empfindlichen Mikroorganismen bei Raumtemperatur stabil in wässrigen Suspensionen gelagert werden können. Die Methode wurde zum Patent angemeldet. Aktuell befindet sie sich im industriellen Scale-up und soll danach künftig in den am Markt befindlichen Produkten angewendet werden. Entscheidend war es auch, das Verhalten der Mikroorganismen über einen längeren Zeitraum zu beobachten, um die Haltbarkeit exakt bestimmen zu können. So ließ sich das Mindesthaltbarkeitsdatum von ursprünglich angenommenen sechs Monaten auf zwölf Monate verlängern. Der Erfolg gibt den Entscheidungen recht: Das Unternehmen hat es geschafft, seit dem Marktstart jedes Jahr profitabel zu sein. Im Jahr 2024 wurde das Umsatzziel sogar nahezu verdoppelt. Mittlerweile ist das Team von zwei auf fünf Personen angewachsen. Vier davon sind Frauen. „Wir haben tolle, hochqualifizierte Bewerbungen erhalten, was mich wirklich glücklich gemacht hat“, sagt die Unternehmerin. Der langsame Personalaufbau habe sich bewährt, „die Aufgaben können jetzt sehr gut aufgeteilt werden“. Und der Alltag als Unternehmerpaar? „Ich glaube, dass wir uns in unseren Kompetenzen ideal ergänzen.“ Patrick Hart ist für die Marketing- und Vertriebsagenden im Einsatz.
Neue Märkte
Auch das Sortiment wurde sukzessive erweitert – um den Badezusatz Flora Bath, das Sonnenschutzmittel Flora Sun und eine Pflegecreme für Babys. Die Produkte sind allesamt frei von Konservierungsstoffen, „wir arbeiten mit minimalistischen Rezepturen“, so Wallner. Die Beschaffungsthematik gehört durchaus zu den Herausforderungen des jungen Unternehmens, „wir können die Rohstoffauswahl aber gut steuern, wir haben die Formulierungen ja von der Pike auf entwickelt“. Vertrieben werden die Produkte in erster Linie über den Webshop, aber auch über niedergelassene Partner. 2024 erfolgte der Eintritt in den österreichischen und den deutschen Markt, in diesem Jahr folgten die Schweiz und Südtirol. In Belgien und Luxemburg gibt es auch bereits Möglichkeiten, die Produkte zu erwerben. Von besonderem Interesse ist künftig der Norden. „Wir möchten Lanbiotic in weiteren vorerst europäischen Märkten etablieren – vor allem in jenen Ländern, wo die Prävalenz für Neurodermitis hoch ist“, berichtet Wallner von den ambitionierten Zielen. Es sind neben genetischen auch klimatische Faktoren, die für ein verstärktes Auftreten der Erkrankung in einem Land sorgen – etwa in Skandinavien und Großbritannien. Darüber hinaus gibt es weltweit, von Nordamerika bis Asien, Märkte mit einem großen Interesse an Probiotika.
Überwältigendes Gefühl
Übereilen will Wallner dennoch nichts: „Wir wachsen schnell. Gleichzeitig sind wir unseren bestehenden Kundinnen und Kunden gegenüber verpflichtet, die Produkte zur Verfügung stellen zu können. Das bringt Verantwortung mit sich und bedeutet: Wir müssen angesichts der Nachfrage mit der Produktion, die zur Gänze in Österreich erfolgt, Schritt halten.“ Visionen dürfen und müssen freilich dennoch sein: „Ideen für die Erweiterung des Geschäftsfelds gibt es viele, denn das Haut- und Schleimhautmikrobiom bietet ein enormes Potenzial.“ Für die Kundinnen und Kunden, die oft viel Hintergrundwissen haben, ist man nach wie vor telefonisch erreichbar, „das ist uns sehr wichtig. Viele haben uns gesagt, dass sich teilweise das erste Mal seit Jahrzehnten ihre Lebensqualität verbessert hat“. Auch Wallners eigener Sohn fürchtet sich nicht mehr vor der kalten Jahreszeit, wenn die Ekzeme besonders stark aufflammten. „Ich habe mich früher ohnmächtig gefühlt, weil ich meinem Kind nicht helfen konnte. Es ist schon schwer zu fassen, was da jetzt alles passiert und fast ein überwältigendes Gefühl, dass auch der Markt unsere Produkte so annimmt.“
Lanbiotic
- In westlichen Nationen ist mittlerweile jeder 20. Erwachsene und bis zu jedes 4. Kind von Neurodermitis betroffen.
- Die Forschungstätigkeit des Biotechnologie-Start-ups Lanbiotic für eine probiotische Hautpflege begann 2021. Im Jahr 2023 konnten klinische Studien die Wirksamkeit des entdeckten Bakterienstamms Lactococcus Lanbioticus bestätigen.
- 2024 erfolgte der Eintritt in den österreichischen und deutschen Markt, 2025 in der Schweiz und Südtirol.
Infos hier:
www.lanbiotic.com
Fotos: Oliver Wolf
